6000 Liter Wasser

19.04. – 04.05.2022

Schon seit ein paar Tagen suchen wir ein Sonnenfenster für unseren Besuch in Seattle. Und tatsächlich – es klappt: Wir buchen uns für zwei Tage auf dem Illahee Statepark ein und radeln am morgen zum Fähranleger. Wir sind schlau und nehmen die Autofähre, die ist zwar etwas länger unterwegs, dafür aber „übelkeitsfrei“. Wir genießen eine kleine, auf der Hinfahrt sogar kostenlose, Kreuzfahrt durch die herrliche Wasserwelt des Puget Sound bei strahlendem Sonnenschein. Unser erstes Ziel ist der National Historic Park im Pioneer Square District. Im Jahre 1897 war Seattle Dreh- und Angelpunkt der Goldsucher auf dem Weg in den Klondike im fernen kanadischen Yukon. Das Museum ist sehr schön aufbereitet, ein gut gemachter Film bringt uns die für die Stadt sehr prägenden Jahre näher. Ohne die Prospektoren und vor allem den Marketingkünsten des findigen Bürgermeisters wäre sie wohl wieder im Schlamm versunken, wie so viele andere aus dieser Zeit. Wir schlendern durch das bestens herausgeputzte Viertel hinunter an die Waterfront. Im Pike Place Market jagen wir uns ein kleines Mittagessen und sitzen mit vielen anderen in einem zauberhaften Park direkt am Wasser. Seattle geht es wie San Francisco, viele Angestellte des Business District sind nach wie vor im Homeoffice, die Innenstadt wirkt so fast verkehrsberuhigt. So machen die vielen Kilometer, die wir zu Fuß bis zur Space Needle zurücklegen, richtig Spaß, obwohl wir teilweise entlang der Hauptverkehrsachsen unterwegs sind. Ist das ein Vorgeschmack auf die Zukunft der Städte? Schön wär‘s jedenfalls… Die 210 Meter hohe Stahlkonstruktion, das anlässlich einer Weltausstellung gebaute Wahrzeichen der Stadt, schauen wir uns nur von unten an. Insgesamt 80 Dollar für die Fahrt auf die Aussichtsplattform sind uns zu happig. Zurück in die City geht es mit der Monorail, die uns mitten im Shoppingparadies wieder ausspuckt. Am späten Nachmittag nehmen wir die Fähre zurück und sind begeistert von der Skyline, die nun von der Sonne angestrahlt wird. Im Großraum Seattle könnten wir uns durchaus vorstellen, einige Zeit zu leben, wenn nur der viele Regen nicht wäre.

Wir ziehen weiter in Richtung Olympic Nationalpark. Erst wenige Tage sind die Straßen im Park geöffnet, die gewaltigen Schneeberge zeugen von einem sehr niederschlagsreichen Winter. Wir unternehmen ein paar Hikes, unter anderem zu den im Regenwald gelegenen Marymere Falls, bevor wir uns auf einem Campingplatz am Lake Crescent niederlassen. Die Farbe des Wassers ist unglaublich, es schillert von dunkelblau über türkis und ist glasklar. Leider ist es noch zu kalt zum Baden, so schnappen wir uns unsere Klappgeschosse und radeln auf einer alten Bahntrasse halb um den See. Auf dem Rückweg erwischt uns ein heftiger Regenguss, so kommen wir begossen und beschlammt wieder am Dicken an. Rechtzeitig zur Ankunft von Anika, Jo und Nele beruhigt sich das Wetter und wir können zusammen ein sehr großes Lagerfeuer entzünden. Die Feuerholzvorräte zweier Sammler fallen den Flammen zum Opfer, denn die Einfuhr von Feuerholz nach Kanada ist nicht erlaubt. Aufgrund der zapfigen Temperaturen können wir es aber ohnehin gut brauchen. Gerne hätten wir noch die Strände an der Westseite der Olympic Peninsula besucht, doch leider lässt uns der Regen nicht los. Bis zu 6000 Liter Niederschlag auf den Quadratmeter fallen in diesem Teil der USA pro Jahr und der Wetterforecast fällt dementsprechend aus! So nehmen wir am nächsten Tag Abschied von den Lower 48 und nehmen die Fähre nach Vancouver Island, und damit nach Kanada.

Eigentlich benötigt die Fähre nur 1,5 Stunden nach Victoria, der Hauptstadt der Insel. Wir drehen aber eine Ehrenrunde, denn das Anlegemanöver misslingt, viel zu schnell versucht der Kapitän (oder der Praktikant?) anzulanden, es rumpelt zweimal kräftig bevor wir das enge Hafenbecken zum Drehen wieder verlassen. Beim zweiten Mal klappt dann alles, und nach ein paar Fragen durch den Grenzbeamten bekommen wir 6 Monate Aufenthalt in unseren Pass gestempelt. Zusammen mit der Besatzung des roten Trucks erkunden wir die hübsche, sehr aufgeräumte Stadt und bekommen erste Tipps für die Insel von den sehr freundlichen Kanadiern. Victoria lässt keinen Zweifel an der kolonialen Vergangenheit, sogar der Afternoon Tea gehört hier zum festen Tagesablauf der Bewohner. Very british. Pünktlich zu unserer Ankunft in Kanada lässt sich auch die Sonne blicken und so können wir ein Stück außerhalb der Stadt unseren Sundowner an unserem Übernachtungsplatz direkt an der Küste genießen. In den nächsten Tagen lassen wir uns an der Westküste entlangtreiben, besuchen das wildromantische Sheringham Cove Lighthouse und verbringen einen faulen Nachmittag am Sombrio Beach. Hier entdecken wir einen kleinen Slotcanyon mit Wasserfall am Ende. Großartig.

Am Lake Cowichan bleiben wir auf einem Campground, Sonnensegel werden zum Regenschutz, Paddeln fällt wegen des Wetters leider aus. Aber wir lassen uns die Laune nicht vermiesen, Jo baut aus herumliegenden Baumstämmen einen großen Hindernisparcours, den die 3jährige Nele mit Bravour und ohne Hinfallen meistert. Bei den Einheimischen versuchen wir Auskunft über die Straßenverbindungen auf der Insel zu erhalten. Unsere digitalen Karten zeigen weit mehr Routen an als die offiziellen Karten, die man auf Papier in den Visitorcentern erhält. Die Lösung ist schnell gefunden. Die Loggingcompanies, die kommerziell Holz auf der Insel schlagen, haben unzählige „Straßen“ geschaffen um ihre Beute mit schwerem Gerät abtransportieren zu können. Diese Pisten sind zwar teilweise für den öffentlichen Verkehr freigegeben, aber mit Vorsicht zu genießen. Die Trucker, die ihre Strecken genau kennen, fahren wie die Berserker und haben ganz klar Vorfahrt. Immer, und vor allem auf den einspurigen Brücken über unzählige Creeks! Wir haben Glück, es ist Sonntag und so ist die Piste, die wir fahren, um viele Kilometer Umweg zu sparen, frei. Wir brauchen aber dank der vielen Schlaglöcher, tiefen Wasserpfützen und schlammigen Passagen auch so eine gefühlte Ewigkeit. Aber großen Spaß hat es trotzdem gemacht, wir haben ein paar schöne Ecken der Insel entdeckt. Sehr gelacht haben wir über die Beschreibung der Strecke eines Locals: „Fahrt über Niketinack (eigentlich Nitnat) und biegt einfach beim Chicken Joe rechts ab“. Aha, alles klar.

Der Green Point Campground im Pacific Rim Nationalpark ist dank des schlechten Wetters nicht ausgebucht, und so ergattern wir zwei Plätze. In diesem Teil der Insel ist Freistehen unmöglich und wird zudem mit empfindlichen Strafen geahndet. Da stehen wir lieber mitten im Wald mit einem gigantischem Strand vor der Haustür. Dieser ist mit Treibholz übersäht und man kann nach rechts oder links kilometerweit laufen. Die Sonne lässt sich wieder für einen Tag blicken und so erscheint das eigentlich sehr touristische Surferparadies Tofino im tollen Licht. Eine abenteuerliche Wanderung über Stock und Stein führt uns hinein in den Regenwald hin zu einem 1945 abgestürzten Weltkriegsbomber. Dieser konnte aufgrund der Unzugänglichkeit des Geländes nicht geborgen werden und fristet nun als Graffiti- und Fotoobjekt sein Dasein.  

Eigentlich wollten wir uns auch den Norden der Insel noch ansehen, aber das Regenwetter vermiest uns den Ausflug auf die Insel doch erheblich. Rückblickend hätten wir uns vielleicht eine andere Route aussuchen sollen, denn so nehmen wir bereits nach einer Woche die Fähre auf das kanadische Festland. Aber es liegen noch unzählige Kilometer auf unserem Weg nach Alaska vor uns, vielleicht ganz gut, dass wir nun dafür mehr Zeit haben. Vielen Dank an Anika, Jo und Nele für die tolle Zeit die wir miteinander verbringen konnten. Es war sehr schön, euch zu treffen.

4 Gedanken zu „6000 Liter Wasser

  • 6. Juni 2022 um 15:45
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    Hallo ihr Weltenbummler,
    wieder einmal sehr schön geschrieben und mit den fantastischen Bildern, bekommt man auch von diesem Abschnitt Euerer Tour einen tollen Eindruck wir wünschen Euch noch viele spannende Begegnungen, lasst Euch von den Bären nicht fressen und passt schön auf Eich auf!
    Feste gedrückt von Jonni, Martín & Sandra

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  • 6. Juni 2022 um 9:12
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    Hi, tolle Berichte und Bilder. LB Grüße Helmut Schmid

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  • 6. Juni 2022 um 8:52
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    Servus, wieder ein spannender Bericht und imposante Bilder die einen tollen Eindruck Eurer Erlebnisse vermitteln.

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  • 4. Juni 2022 um 17:28
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    Liebe Michaela, liebüer Peter,

    wieder ein toller Bericht mit herrlichen Bildern.
    Vielen Dank!
    Wir waren vor Jahren von Seattle nach Vancover und BC mit einem SUV gefahren, aber solche wunderbaren Ecken kann man nur mit euerem Dicken erleben. Glückwunsch!!!!

    Ganz liebe Grüße aus Baden-Baden und weiterhin gute Reise in den Norden! Bleibt vorsichtig und gesund,
    Brigitte und Uli

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