Schrauberstopp in Jyväskylä

… und mit diesem Ort beginnt eins unserer Probleme – wie erklärt man der freundlichen Dame an der englischsprachigen Hotline von MAN dass man mit der Werkstatt in Jyväskylä verbunden werden will, wenn man „Jyväskylä“ nicht aussprechen kann? Und wie buchstabiert man eigentlich „Ä“ in Englisch?

Aber der Reihe nach: 

Kurz vor unserer Abfahrt in Helsinki bemerken wir eine kleine Pfütze unter unserem Dicken, denken es ist ein wenig Motoröl (nach mehr 20 Jahren auf dem Buckel darf MAN schon mal etwas rumsauen), denken uns nichts weiter und fahren zu. Die Pfütze bildet sich jedoch auch nach unseren nächsten Stopps und so schauen wir uns das ganze dann doch mal genauer an. Auf einem Autobahnparkplatz kippen wir also routiniert das Fahrerhaus und begeben uns auf Spurensuche. Nach intensiven Schnüffeln, reiben und probieren (mmmhhh lecker … ) merken wir, das was da tropft ist nicht Öl sondern Diesel. Da wir auf Anhieb nicht erkennen können, woher es tropft machen wir den Dicken untenrum sauber (siehe die 20 Jahre oben) und fahren wieder ein Stück weiter. Achja, vorher halten wir noch ein nettes Schwätzchen mit ein paar Finnen, die ihrerseits einen ziemlich betagten Kleinwagen von Helsinki wer weiß wohin schleppen – so genau haben wir das nicht verstanden 🙂 Sie haben uns Ihre Hilfe angeboten, wir wurden uns aber dann doch relativ schnell einig, dass sie das größere Problem haben und sich erst einmal drum kümmern sollten. Nett war’s trotzdem….

Für die weitere Recherche suchen wir uns einen (wirklichen netten) Wanderparkplatz und können unser Problem eingrenzen: es ist die Dieselpumpe die leckt … Peter zieht die Schrauben nach, traut sich aber das Drehmoment nicht voll auszunutzen aus Angst, die Hohlschrauben abzureissen. Für alle Kenner: den Konstrukteur sollte man verklagen – er hat bestimmt niemals selbst versucht an alle Schrauben dieser Pumpe zu kommen – so können wir nur über mehrere Verlängerungen und Winkelstücke den Drehmomentschlüssel überhaupt ansetzen … da es keinen spürbaren „Nachzieheffekt“ gibt, tippen wir auf einen Defekt der Membran der Dieselpumpe. Dadurch kommt es zu eingangs erwähnten, echt witzigen Situation, mit der MAN Hotline. Da wir aber so spät in der Werkstatt in Jyväskylä nichts mehr ausrichten können, vertagen wir unser Problem auf morgen, schnallen dem Dicken ein Lätzchen um und fahren zum nächsten, ursprünglich geplanten Nationalpark. Achja, auch hier erhalten wir ein Hilfsangebot von einem netten Finnen – dieser hat sogar ein funktionierendes Auto – was wir aber ja noch nicht brauchen, wir können ja fahren.

Am nächsten Morgen erreichen wir den Ersatzteilfachmann der MAN Servicestelle in Jyväskylä und bestellen unsere Membran. Er ist sehr zuversichtlich, dass er diese am nächsten Tag, einem Freitag, um 3 Uhr nachmittags bekommt. Also nutzen wir den Donnerstag für eine schöne Wanderung und machen uns am Freitag morgen auf den Weg nach Jyväskylä. Und tatsächlich – die Membran ist angekommen und zudem dürfen wir auf den riesigen Hinterhof der LKW Werkstatt um zu schrauben und auch um zu übernachten. 

Als Peter, mittlerweile ebenfalls routiniert, die Dieselpumpe ausbaut, merken wir jedoch, dass offenbar nicht die Membran das eigentliche Problem ist, sondern dass es das Einlassventil zerlegt hat. Wieder für Kenner und Interessierte:

Auf dem Foto erkennt man das MAN-Puzzle (danke Papa für die Formulierung *gg*). Die winzigkleine Nase rechts oberhalb der Feder auf der Decke liegend gehört zum Einlassventil dieser Sternstunde der deutschen Ingenieurskunst. Der Steg war ehemals an einem Plättchen unterhalb der Schraube unten links im umgedrehten Oberteil der Pumpe. Dieser soll wohl die Blattfeder , die sich irgendwohin verabschiedet hat, stabilisieren – vielleicht aber auch nur moralisch unterstützen oder in ihrer Arbeit anfeuern? Eigentlich soll die Blattfeder die Einlassöffnung verschließen! Das ebenfalls zerschossene Auslassventil, bestehend aus den drei anderen Teilen auf dem Foto kann Peter wieder zusammensetzen. 

Die Werkstatt macht uns nach diesem Fund ein überraschendes Angebot: bis morgen früh um 9 Uhr, also Samstag, können sie eine Nachbaupumpe für 100 Euro (allein die Originalmembran hat 60 Euro gekostet) beschaffen. Klasse denken wir uns, die nehmen wir doch! Frohen Mutes beenden wir unser Tagewerk und machen uns mit den Fahrrädern auf den Weg in die Stadt – ein kurzes Vergnügen … Jyväskylä ist eine Industriestadt ohne Gesicht und Charme, und da wir keine 17 Euro für eine (!) Pizza ausgeben wollen gönnen wir uns zwei große Menüs beim McD für zusammen 14 Euro bevor wir uns wieder auf unseren atmosphärisch-dichten Stellplatz auf dem Hinterhof zurückradeln. 

Am nächsten Morgen stehen wir erwartungsvoll am Tresen der Werkstatt um unser Schnäppchen in Empfang zu nehmen, aber Pustekuchen. Die Ersatzpumpe ist nicht da und trotz Trackingnummer ist die Pumpe in den Weiten Finnlands verschwunden. Nächste Chance Dienstag. Da wir solange nicht hier ausharren wollen und zudem denken, dass unsere alte Pumpe vermutlich seit längerem alle deutsche Ingenieurskunst ignoriert und auch so funktioniert, riskieren wir es: wir setzen sie wieder zusammen, bauen die neue Membran ein und ziehen die Schrauben fest. 

Und was sollen wir sagen – der Dicke läuft wie gewohnt und tropft nicht mehr durch die Gegend. Vermutlich war die Ursache für das Rumsauen „nur“ eine gelöste Schraube – dass wir bei der Gelegenheit aber den Defekt der Pumpe gefunden haben und diese nun spätestens nach unserer Rückkehr von unserer Ostseeumrundung in der Heimat final reparieren können, ist auch viel wert!

Das wir bei der Gelegenheit auch gleich den Dieselvorfilter gereinigt haben, versteht sich ja wohl von selbst … Winne – wo warst Du eigentlich? Mit Dir wars viel schöner! Renate, Udo – einen Martini mit Euch hätten wir gut gebrauchen können 🙂  Unser Erlebnis mit unserem Dieselvorfilter in Sardinien

An dieser Stelle möchten wir uns ganz herzlich bei den Jungs von MAN in Landshut bedanken – Ihr seid super und die telefonische moralische und seelische Unterstützung ist in solchen Situationen echt gold wert!!! Wir sehen uns im September !

 

8 Gedanken zu „Schrauberstopp in Jyväskylä

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  • 27. Juli 2018 um 18:40
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    PS:
    Wir haben uns köstlich über die witzige Einleitung eures Blogbeitrags amüsiert. Win wusste sofort, dass „ Jyväskylä“ ungefähr „Iväskilliäh“ ausgesprochen wird :-)) weil er im letzten Jahrtausend mal dort beruflich zu tun hatte. „Ä“ in Änglisch zu buchstabieren ist ächt schwär :-)) Ihr seid einfach cool und habt Humor. 👍🏼
    Cheers!

    Antwort
    • 28. Juli 2018 um 20:36
      Permalink

      Liebe Petra, lieber Win, wir haben uns sehr über Euren Kommentar gefreut. Gerade wenn jemand selbst einen tollen Blog betreibt, ist das für uns ein Riesenlob 🙂
      Herzliche Grüße in den tiefen Süden, Michaela und Peter

      Antwort
  • 27. Juli 2018 um 18:24
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    Liebe Michaela, lieber Peter,
    vielen Dank für die ausführliche Reparaturanleitung, wer weiß, wofür wir sie vielleicht mal gebrauchen können 😉
    Wir wünschen euch eine tolle Zeit im hohen Norden!
    Liebe Grüße von Win und Petra aus dem tiefen Süden

    Antwort
  • 17. Juli 2018 um 11:03
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    Glück im Unglück und ein paar € gespart.

    Antwort
  • 17. Juli 2018 um 8:16
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    Liebe Michaela und Peter,
    da habt ihr ein treues Gefährt.
    Weiterhin gute Fahrt.
    Liebe Grüße aus Baden-Baden
    Uli und Brigitte

    Antwort
    • 17. Juli 2018 um 9:34
      Permalink

      Liebe Brigitte, lieber Uli,
      unser Dicker ist wohl genauso gerne unterwegs wie wir! Vielen Dank an Euch Zwei für die schönen Lagerfeuerabende in Lettland und Euer „Mitreisen“ von Zuhause aus.
      Herzliche Grüße von Michaela und Peter

      Antwort

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