wir machen auf Odysseus

06.03. – 24.03.2020

Bevor wir noch Wurzeln bei den Snowbirds in Tucson schlagen, planen wir unsere weitere Reise: Am 26.03. läuft unsere Aufenthaltsgenehmigung (Permit) aus und wir müssen die USA verlassen um eine neue beantragen zu können. Zu diesem Zeitpunkt ist es an der Coronafront in den USA und Mexiko noch erstaunlich ruhig und so beschließen wir, an unserem ursprünglichen Plan festzuhalten: Ein oder zwei Tage vor Ablauf nach Mexiko auszureisen, ein paar Tage dort am Strand zu verbringen, unzählige Tacos zu essen und Margaritas zu trinken und anschließend wieder zurück in die USA zu fahren, um mit einem neuen 6-Monats Permit das tolle Land weiter zu erkunden. Sollte das wegen Corona nicht möglich sein, könnten wir die Zeit bei den Snowbirds abwettern. 

Und so machen wir uns auf den Weg in Richtung Phoenix. Wir streifen die Großstadt am Rande, unser Ziel sind die Superstition Mountains am Apache Trail. Das Bergmassiv erhebt sich majestätisch aus der Wüste Arizonas, ein Fest für die Augen. Wir verzichten auf das Übernachten im teuren Statepark und stellen uns ein paar Kilometer weiter auf BLM-Land, kostenfrei und in netter Gesellschaft. Am nächsten Morgen sind wir zeitig unterwegs, das Thermometer soll auf 30 Grad klettern und auf uns warten 800 Höhenmeter im Aufstieg auf den Gipfel des „Flat Iron“. Die Wanderung ist eher eine Klettertour, alle Viere brauchen wir um über eine ausgedehnte Rinne schließlich auf 1419 Metern unsere Jause auszupacken. Herrlich, der Blick nach unten in die weite Ebene. Nach einer weiteren, ruhigen Nacht wollen wir noch ein Stückchen weiter auf dem Apache Trail fahren. Dieser wurde kurz nach 1900 als Versorgungsstraße für den Theodore-Roosevelt Staudamm angelegt und folgt einem alten Pfad der Apachen durch die Felsschluchten des Salt River. Wir folgen der kurvenreichen, verschlungenen Straße bis Tortilla Flat, einem alten Versorgungspunkt auf dem Trail. Uns gefällt es so gut, dass wir auf dem anliegenden Campground gleich eine große Parzelle für 3 Tage beziehen. Wir erkunden die Umgebung, hüten uns vor den Klapperschlangen, kehren ein im urigen Saloon und fahren noch weitere 10 Meilen bis ans derzeitige Ende des Apache Trails. Leider wurden große Abschnitte der Straße vor einigen Jahren durch eine Überschwemmung fortgespült und bislang nicht wieder vollständig hergerichtet. Was würden wir drum geben, die Barrieren auf die Seite zu schieben und noch weiter einzutauchen in den Wilden Westen. 

Mittlerweile ist Corona in Europa angekommen und die Nachrichten aus der Ferne überschlagen sich: Norditalien wird weitgehend abgeriegelt, die Börsen brechen ein. Hier ist noch immer nichts zu spüren, alles ist gut. Wir setzen drauf, dass das zumindest noch ein paar Tage bis zu unserer geplanten Wiedereinreise bleibt.

Und so fahren wir weiter in Richtung Norden und nehmen Kurs auf Sedona. Die Stadt liegt traumhaft eingebettet zwischen roten Felsen, tiefen Canyons und Pinienwäldern. Das Monument-Valley in Grün. Die Kulisse dürfte manchen Westernfan bekannt vorkommen. Zahlreiche Filme mit John Wayne, Burt Lancaster und Robert Mitchum wurden in der eigens von Hollywood gebauten Ranch gedreht. Unser Weg dorthin könnte abwechslungsreicher nicht sein. Zunächst fahren wir durch die Steppe bei Phoenix, später über dicht bewaldete Berge um uns dann in der Wüste kurz vor Sedona ein Übernachtungsplätzchen zu suchen. Leider regnet es in der Gegend seit einigen Tagen und so versinken wir auf der zum Campen freigegebenen Fläche tief im Matsch. Zudem nutzen ein paar Jungs mit ihren Pickups die Gelegenheit, sich und ihren Karren das Driften beizubringen und so suchen wir lieber das Weite. Direkt in der Stadt gibt es noch einen Parkplatz, auf dem das Übernachten mit dem Wohnmobil wohl geduldet wird. Wir stellen uns hin und besuchen das Visitorcenter um ein paar Tipps für Wanderungen zu bekommen. Was wir aber bereits ahnen, wird uns von der netten Mitarbeiterin bestätigt. Durch den vielen Regen sind viele Wege unpassierbar und so bleiben uns nur wenige Alternativen zum Erkunden der roten Pracht. Die Nacht bleibt störungsfrei und am am nächsten Morgen nutzen wir eine Regenpause  für eine kleine Tour in den Fay Canyon. Nach tollen Ausblicken, aber auch viel Rumgerutsche auf dem aufgeweichten, lehmigen Boden kommen wir gerade rechtzeitig vorm nächsten Wolkenbruch wieder beim Dicken an. Da auch für die nächsten Tage keine Wetterbesserung in Sicht ist, verlassen wir das Gebiet auch schon wieder und schlängeln uns die fantastische Panoramastraße hoch auf das Colorado-Plateau. Und Überraschung – hier oben ist es vorbei mit der Regnerei und es scheint sogar etwas die Sonne! Das nutzen wir und fahren zum Walnut Canyon National Monument. Um das Jahr 1100 entdeckten die Anasazi Indianer den wasserführenden Canyon für sich und errichteten zahlreiche Felsenbehausungen („Cliff Dwellings“) als Wohnstätte für ihre Stammesmitglieder. Ein kurzer, aber sehr schöner Trail führt uns über zahlreiche Stufen hinunter zu den Überbleibseln der indianischen Kultur. Dabei schmunzeln wir mal wieder über die zahlreichen Warnhinweise über die erforderlichen Anstrengungen um die Stufen wieder hochzukommen. Die Nacht verbringen wir auf der McHood Campsite, schön am See gelegen und von der Stadt Winslow kostenfrei zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

In der Zwischenzeit gibt es erste Regionen in den USA, die stärker von der Pandemie betroffen sind: Seattle und San Francisco. Trump erlässt ein Einreiseverbot für Europäer und Chinesen. Damit sind die Schuldigen endlich ausgemacht, die Demokraten konnten es diesmal dann wohl doch nicht sein. Wir diskutieren, was das für uns bedeutet und kommen zum Schluss, dass Mexiko eigentlich die Grenzen gen USA schließen müsste, da dort noch keine Fälle aufgetreten sind. Dann hätten wir ein ernsthaftes Problem, und müssten nach Kanada ausreisen, um unseren Aufenthalt in den USA verlängert zu bekommen. Kanada ist jedoch einige Tausend Kilometer entfernt, und wir sind unsicher, ob die Grenze nicht vor unserer Nase zu gemacht würde. Und so beschließen wir am nächsten Tag noch den Petrified Forest National Park mitzunehmen und dann schleunigst gen Mexiko aufzubrechen. Vielleicht gelingt es uns an der Grenze ja doch noch neue 180 Tage zu bekommen, obwohl die alten noch nicht ganz abgelaufen sind. 

Der Nationalpark liegt in der Painted Desert, einer Wüste auf ca. 1800 Meter über dem Meer. Das Highlight neben den farbenprächtigen Gesteinsschichten sind die sog. „Versteinerten Bäume“.  Vor etwa 215 Millionen Jahren, befand sich hier ein von vielen Flüssen durchzogenes Schwemmland. Aurakarien, Baumfarne und Nadelhölzer bildeten die Vegetation, in derer sich auch kleinere Dinos saurierwohl gefühlt haben. Umgestürzte Bäume wurden von Fluten unter Schlamm und Schlick begraben. Vergraben von weiteren Ablagerungen verlangsamte sich der natürliche Zerfall des Holzes aufgrund fehlenden Sauerstoffs. Unter der dicker werdenden Sedimentabdeckung sickerte kieselsäurehaltiges Grundwasser in die Baumstämme ein. Quarz und Chalcedon lagerten sich in den Hohlräumen der Stämme ein, ersetzten nach und nach das Zellgewebe und erhielten so die Holzstrukturen der Stämme in Stein. Die Erosion der nachfolgenden Jahrtausende legte die nun versteinerten Baumstämme für uns heute sichtbar wieder frei. Besonders gut gefallen hat uns der Crystal Forest, hier liegen Stämme mit Durchmessern von über einem Meter, besonders schön mit Quarz- und Amnethystkristallen. Die Verbindungsstraße im Park ist derzeit wegen Bauarbeiten leider gesperrt, so begnügen wir uns mit der Besichtigung des Südteils des Parks. 

Die 600 Km Richtung mexikanischer Grenze reissen wir in eineinhalb Tagen runter.  In Lukeville angekommen, gehen wir auf amerikanischer Seite zu Fuß zum Einreiseposten der USA (Ausreiseposten beim Verlassen über den Landweg gibt es nicht!) um mit den Grenzern über die Möglichkeit, vor Ablauf ein neues USA-Permit zu bekommen, zu sprechen. Wie wir es schon gewohnt sind, sind die Beamten sehr unfreundlich und weisen uns sogar darauf hin, dass wir für ein neues Permit nach Deutschland ausreisen müssten. Eine Erneuerung des Aufenthaltserlaubnis durch die Wiedereinreise über Mexico sei nicht möglich. Diese Aussage ist definitv nicht korrekt, aber was wollen wir machen? Die Grenzer sitzen eindeutig am längeren Hebel und Diskussionen sind sinnlos. 

Also überqueren wir am 15.März die Grenze nach Mexiko – sehr entspannt, sehr freundlich, 6 Monate Aufenthalt ohne Rückfragen, ohne Probleme. Wir fahren 100 Kilometer bis zur Küste nach Puerto Penasco. Und staunen nicht schlecht – denn dort steppt der Bär: es ist Spring Break und die amerikanischen Studenten scheren sich nicht um Corona, es sei denn in flüssiger Form. Wir entscheiden uns für den Stellplatz „Concha del Mar“, günstig, direkt am Meer und für diese Jahreszeit bereits erstaunlich leer. Viele amerikanische und kanadische Snowbirds haben sich aufgrund des Virus bereits auf den Weg zurück in ihre Heimat gemacht. Für Mexiko ist der Tourismus enorm wichtig, daher lassen sie alles weiterlaufen wie bisher. Es gibt seitens der Regierung keine Beschränkungen, ganz im Gegenteil, der Virus wird einfach ignoriert. Wir beginnen zu begreifen, dass der Virus auch Mexiko ganz fürchterlich einholen wird und so werden die folgenden Stunden für uns die bisher schwersten auf unserer Reise. Wir ahnen, dass nun die USA ihrerseits die Grenze zu Mexiko nicht mehr lange offen halten werden (Schuldige Illegale sind ja immer willkommen!), durch Kanada wurde die Landesgrenze zu den USA mittlerweile geschlossen. Wir stehen also vor der Entscheidung, die Pandemie in Mexiko auszusitzen oder uns auf den Weg zurück nach Deutschland zu machen. Leider sind wir erst so kurz in Mexiko und erfahrungsgemäß brauchen wir Beide immer einige Tage um uns in einem neuen Land zurecht zu finden. Zudem können wir die Sprache nicht wirklich und besonders erschwerend können wir die politische Situation überhaupt nicht einschätzen. Dass die Gesundheitsversorgung nicht prickelnd ist, wissen wir. Was ist, wenn wir das Land Hals über Kopf verlassen müssten? Den Dicken irgendwo in Mexiko zurücklassen? Kommt nicht in Frage. All das zusammen lässt uns einen Flug von Denver nach München buchen. Warum Denver? Dort leben Denise und Iain, die uns bereits in der Vergangenheit mit Rat und Tag zur Seite gestanden haben und sich sofort bereit erklären uns auch in dieser Situation zu unterstützen. Denise kümmert sich um einen Platz im Storage für unseren Dicken und wir fühlen uns wohler, jemand in der Nähe von unserem tapferen Reisebegleiter zu haben. Sehr schweren Herzens machen wir uns nach nur zwei Tagen in Mexiko auf, zurück zur Grenze in die USA. Ein paar Tage haben wir ja noch auf unserem alten Permit und die Wiedereinreise ist überraschenderweise überhaupt kein Problem. Die beiden Beamten, ein Mann und eine Frau mit einem drogenschnüffelnden Vierbeiner sind unglaublich freundlich und hätten uns gerne mit einem neuen Stempel im Pass geholfen. Aber aufgrund der Pandemie sind ihre Möglichkeiten sehr stark eingeschränkt worden und so können sie leider nichts für uns tun (von wegen dass eine Ausreise nach Deutschland erforderlich wäre!!!). Hätten wir die Beiden vor zwei Tagen getroffen…?

1500 Kilometer liegen nun vor uns, die wir in dreieinhalb Tagen quasi durchfahren. Wir wären sogar noch schneller gewesen, hätten uns nicht ein schnee- und eisbedeckter Pass auf 3.500 Metern in den Rocky Mountains und ein Blizzard in Colorado Springs ausgebremst. Erschöpft und traurig kommen wir bei Denise und Iain an und werden in den nächsten Tagen fürstlich bewirtet und mit einer schönen Wanderung im schneebedeckten Umland abgelenkt. Den Rest der Zeit sind wir schwer beschäftigt, der Dicke will für eine ungewisse Zeit so gut es geht gerüstet werden. Wir packen aus und um, schrubben ihm (hoffentlich) die dicke Salzkruste ab, die er sich von den gestreuten Straßen zugezogen hat, klemmen die Batterien ab, verpassen dem Kabinendach einen Umhang und parkieren ihn auf einem Platz in einem RV-Storage ein. Der Abschied fällt uns sehr schwer, wissen wir doch nicht, wann wir wieder zurück kommen können. 

Wie bei vielen anderen Reisenden geht unser Heimflug dann auch fast noch schief. Planmäßig fliegen wir von Denver über New York nach München. Doch zwei Tage vor Abflug wird der Flug von Denver nach New York storniert. Ohne Info. Das Reisebüro, über das wir gebucht haben, ist nicht erreichbar, die Hotline der United Airlines kann uns zunächst auch nicht helfen, da wir den Flug nicht direkt dort gebucht haben. Durch hartnäckiges Bitten und Flehen nach gefühlten Stunden in der Warteschleife erklärt sich die United bereit, unseren Zubringerflug umzubuchen. An dieser Stelle nochmals herzlichen an Dank an Jenny aus dem Büro der United in Houston, sie hat uns sprichwörtlich den Arsch gerettet. So sitzen wir am 23.03.2020, drei Tage vor Ablauf unseres Visums, im Flieger nach München und unterbrechen damit unser geliebtes Reiseleben auf unbestimmte Zeit.

Die Rückreise verläuft ereignislos, sowohl der Flughafen in Denver wie auch das Drehkreuz New York sind völlig verwaist. Die Maschine ist erstaunlich leer und die Stewardess erzählt uns, dass dies wohl bis auf weiteres der vorletzte Flug der United über den Atlantik sein wird. In Deutschland angekommen, gibt es nur eine Passkontrolle, keinerlei Hinweise auf Selbstquarantäne oder erforderliche Schutzmaßnahmen. Auch hier ist alles menschenleer und ein leerer Regionalzug bringt uns in unsere Übergangsheimat Straubing. Unser Freund Dieter und seine Frau Elfriede stellen uns eine gemütliche Dachgeschosswohnung zur Verfügung, die wir uns mit Equipment aus unserem eingelagerten Haushalt in den nächsten Tagen einrichten.  Wir schnaufen nach dieser Irrfahrt der vergangenen Wochen zum ersten Mal wieder durch und harren nun der Dinge, die da kommen mögen…

Unsere Odysee

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Unsere Odysee

3 Gedanken zu „wir machen auf Odysseus

  • 15. April 2020 um 8:16
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    Oha, da seid ihr wirklich mit viel Glück der Quarantäne in den USA entkommen!
    Wir wünschen eine entspannte Zeit in Straubing (dort haben wir Verwandte) und hoffen ebenfalls auf ein baldiges Ende dieser unwirklichen Situation.

    Liebe Grüße aus unserem Sommerurlaub am Strand…

    Angela und Torsten

    Antwort
  • 14. April 2020 um 18:12
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    Liebe Michaela, lieber Peter,
    wir wünschen Euch einen recht kurzweiligen Zwischenstopp Eurer Reiseabenteuer 🙂 ! Schön, dass Ihr gesund hier seid und freut Euch auf schöne Tage im Bayerischen!
    Für Euch auf ein baldiges Wiedersehen mit Eurem Dicken und für uns gespannte Leser Eures Blogs auf baldige neue Reisegeschichten!!
    Liebe Grüße
    Patricia mit Familie

    Antwort
  • 14. April 2020 um 17:32
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    Liebe Michaela, lieber Peter!
    Wir sind sehr froh, dass ihr wieder gut in Deutschland seid. Corona in USA ist sicherlich kein Vergnügen!
    Wir alle hoffen, dass wir unsere Mobile bald wieder bewegen dürfen. Aber große Geduld ist angesagt.
    Euch wünschen wir eine recht gute Zeit in Bayern.
    Allen ebenfalls gute Zeit und gesund bleiben.
    Liebe Grüße aus Baden-Baden
    Uli und Brigitte

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