Von Sternen, Stalaktiten, Saloons und Stacheln

11.02. – 05.03.2020

Nach den tollen Tagen in der Big Bend Area geht es für uns weiter in den Westen von Texas. Seit langer Zeit haben wir mal wieder einen Termin: Wir sind zur StarParty im McDonald angemeldet. Die Sternwarte mit verschiedensten Teleskopen liegt bei 2100 Meter Höhe auf dem Mount Locke. Als wir ankommen ahnen wir schon, dass es nichts wird mit unserem Blick in die Sterne. Der Himmel ist stark bewölkt, für den Abend sind Nebel und Schneeschauer angekündigt. Tatsächlich gibt es zwei Alternativen: die Rückerstattung der Tickets oder die Teilnahme an einem Alternativprogramm. Da die Amis ja große Entertainer sind, parken wir ein und warten auf den Start der Show. Und werden nicht enttäuscht: Mittels Computersimulationen, anschaulichen und kurzweiligen Vorträgen, einer tollen Bildergalerie und einer Spektroskopie zum Mitmachen wurden wir 3 Stunden bespaßt und aufgeschlaut. Als Höhepunkt erklärt ein pudelbemützter, hochintelligenter Nerd sehr wortgewaltig, extrem plastisch und vor allem leicht verständlich uns astronomischen Leichtgewichten mal eben Geburt und Sterben von Galaxien. Entertainment at it’s best! Leider können wir am Observatorium nicht über Nacht stehen, so fahren wir im beginnenden Schneegriesel noch ein paar Meilen zu einer Picknickarea. Fünf traumhafte Stellplätze mit allem drum und dran stehen hier kostenlos zur Verfügung. Danke Texas! By the way: Texas entspricht so gar nicht unseren Vorurteilen (Trump-Fahnen überall, alle Pick-Ups mit Gunracks ausgestattet und jeder zweite trägt seinen Colt am Halfter) – es gefällt uns hier ausgesprochen gut und die Menschen sind sehr freundlich.

Als wir morgens aufwachen, ist auch tatsächlich etwas Schnee um uns herum liegen geblieben. Kaum runter vom Berg, ist dieser sofort verschwunden. Die Kontraste an diesem Fahrtag könnten allerdings nicht größer sein: Brummen wir erst noch durch wunderschöne Berglandschaften, müssen wir anschließend das gigantische Ölfördergebiet im Grenzgebiet Texas/New Mexico durchfahren. Fraking sei Dank! 160 Kilometer auf einer stark frequentierten und bereits stark in Mitleidenschaft gezogenen Straße liegen vor uns. Waren wir am Vormittag noch ganz alleine unterwegs, werden wir nun von riesigen LKWs und verrückten Pickups, die alles Mögliche hinter sich herziehen, zum Gas geben genötigt. Die Strecke hat sich als „Death-Corridor“ einen Namen gemacht, durch die rasante und rücksichtslose Fahrweise kommen jährlich Dutzende ums Leben. Viele Fahrer stehen unter Drogeneinfluss wie uns ein paar Polizisten später erzählen. Die sehr jungen Fahrer können bis zu 125.000 Doller im Jahr verdienen, sind dafür aber 18 Stunden pro Tag unterwegs. Wir hatten im Vorfeld über die Straße gelesen, aber da der Verkehr in den USA ansonsten sehr zivilisiert ist und darüber hinaus gerne dramatisiert wird, dachten wir uns „wird schon nicht so schlimm sein“. Irrtum, wir waren mehr als froh, als wir die Stadtgrenze von Carlsbad in New Mexico erreicht haben und der Spuk vorbei war.

Für die Nacht stehen wir dann zum ersten Mal auf BLM. Das sind Ländereien, die von einer staatlichen Behörde verwaltet werden, und wo unter anderem freies Stehen mit Wohnmobilen für 14 Tage erlaubt ist. Der ganze Westen der USA ist voll davon, und so gibt es neben den National Forests für uns künftig weitere Möglichkeiten zu übernachten.

Am nächsten Morgen machen wir uns auf in den Carlsbad Caverns Nationalpark. In diesem Park gibt es 83 einzelne Höhlen, darunter die tiefste bekannte Kalksteinhöhle der USA mit einer Tiefe von 487 Metern unter der Erdoberfläche. Der Eintritt ist dank Jahrespass wieder frei und wir entscheiden uns, nach einer Sicherheitsbelehrung über die gesundheitlichen Risiken, für den natürlichen Eingang.  Die Rücken-/Gelenk- und Herzkreislaufsystem-schonende Alternative, den Aufzug zu nehmen, verschmähen wir. Wie üblich, wenn es ums Gehen geht, sind wir auf den ersten zwei Kilometern fast alleine unterwegs. Da in diesem Bereich im Sommer hunderttausende Fledermäuse leben, ist die Beleuchtung äußerst sparsam und der Weg damit stellenweise in ziemlicher Düsternis. Das bringt uns in genau die richtige Stimmung die zahlreichen Tropfsteine zu bestaunen. Der Big Room, einer der größten unterirdischen Räume weltweit, ist unglaublich beeindruckend. Fast drei Stunden sind wir unterwegs bevor wir wieder ins Tageslicht treten.

Verwirrt durch die Zeitverschiebung, wir befinden uns direkt an der Grenze zwischen Mountain und Central Time, reißt uns der Wecker am nächsten Morgen eine Stunde zu früh aus dem Schlaf. Macht nichts, so bekommen wir ohne Probleme einen Stellplatz im Guadalupe Mountains National Park. Das Wetter ist herrlich und so unternehmen wir am Nachmittag noch eine Wanderung zur Devils Hall. Der Weg verläuft im Flussbett des Pine Spring Canyons entlang, über einige Felsen hinauf zur Teufelshalle, einem engen Felsspalt. Nach einer ruhigen Nacht machen wir uns auf, den höchsten Berg Texas zu besteigen. Der Weg auf den Guadalupe Peak mit 2.667 Metern ist anfangs sehr steil, einige Abschnitte führen an hohen Steilklippen entlang bevor wir auf der Rückseite des Berges die Schneegrenze erreichen. Hier oben weht teils ein heftiger Wind und wir stauen über so manchen Mitwanderer in kurzer Hose und T-Shirt. Die Besteigung ist auch bei Einheimischen sehr beliebt und so werden seitens der Parkverwaltung Volunteers eingesetzt, die sich um die nicht so gut vorbereiteten Wanderer kümmern. Ausgestattet mit Getränken, Snacks, Rettungsdecken und erste Hilfe-Sets treffen wir auf eine ältere, sehr fitte Dame, die den Job an diesem Tag übernimmt. Sie hat alle und alles voll im Griff, hält jeweils kurze Schwätzchen und schätzt die Wanderer so ein. Finden wir ganz erstaunlich und auch erstaunlich notwendig. Wir kommen nach 3 Stunden auf dem Gipfel an und nach Gipfelfoto und Jause machen wir uns auch schon wieder auf den Rückweg. Eine tolle Tour!

Eigentlich wollen wir am nächsten Tag eine weitere Wanderung unternehmen, allerdings werden wir bereits nachts von einem heftigen Wind kräftig durchgeschüttelt, der sich auch am Vormittag nicht legen will. So entscheiden wir aufzubrechen, Richtung Las Cruces, New Mexico. Die Frage, ob wir noch zu den White Sands, einem großen Dünenfeld aus Gipssand, abbiegen wollen, wird uns abgenommen. Sandie und Karsten haben zwei Plätze im City of Rocks State Park ergattert, so steigen wir aufs Gas und fahren 400 Kilometer, um die beiden zu treffen. Auf Reisen Freundschaften zu schließen ist wunderschön, jedoch unweigerlich auch von Abschieden geprägt. So freuen wir uns sehr, die Beiden nochmal in die Arme nehmen zu können. Wir verbringen zwei herrliche Tage im Park, dessen Felsformationen geologisch sehr außergewöhnlich sind. Die Granit-Felsbrocken, die bis zu 15 Meter aufragen, sind das Ergebnis eines Vulkanausbruchs vor rund 35 Millionen Jahren und sehen aus, wie in die Landschaft geworfen.

Unsere weitere Reise führt uns in die Gila Wilderness. Über eine 44 Meilen lange Mountainroad, die sich großteils einspurig herrlich über die Berge windet, gelangen wir zu den Gila Hot Springs. Ein Traum! Drei hübsch angelegte Becken mit heißem Thermalwasser direkt aus der Quelle, unmittelbar daneben ein Stellplatz für unseren Dicken – mehr kannst Du nicht wollen. Für kleines Geld mieten wir uns bei dem sehr netten Betreiberehepaar für die nächsten 5 Tage ein und gehören damit schon fast zum Inventar des kleinen Dörfchens. Wir liegen das erste Mal bereits vor dem Frühstück in den Becken, das letzte Mal abends in tiefschwarzer Nacht unter der Milchstraße. Dazwischen machen wir einen Ausflug zu den Gila Cliff Dwellings, Höhlenbauten der Mogollen, einem Pueblovolk aus dem 13. Jahrhundert. Fünf große Höhlen, hoch in den Felsen eines Seitencanyons des West Fork Gila Rivers, bildeten die natürliche Basis. Hier wurden um 1270 etwa 40 Räume angelegt. Sehr beeindruckend und wir finden, dass dem kulturellen Erbe der Ureinwohner viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Gerade die Zeit der Vertreibung und des Einsperrens in Reservaten wird selten als Bestandteil der eigenen Geschichte aufgefasst.

Eine längere Wanderung, die wir unternehmen wollen, scheitert leider am Gila River. Der Wasserstand ist einfach zu hoch um diesen gefahrlos überqueren zu können. Schade, aber dann drehen wir eben eine kleinere Runde auf der anderen Uferseite und stoßen so zufällig auf Petroglyphen, Felszeichnungen der Mogollen. Neue Mitwanderer gibt es in diesem Gebiet übrigens auch wieder. Zu den Bären und Berglöwen gesellen sich im Gila National Forest nun auch Wölfe. Wir sind mittlerweile Experten im Fährtenlesen: Hufe, Pfote, 5 Zehen oder 4, mit Kralle oder ohne? Groß oder eher klein? Persönlich zu Gesicht bekommen wir zwei Exemplare der Blacktailed Deer und einige Javelinas (sehen aus wie Wildschweine, sind aber keine), die an einem Steilhang entlang klettern und dabei viele Steine lostreten.

Dann heißt es wieder mal Abschied nehmen. Der Scheibendoktor in Silver City wartet auf uns. Vermutlich auf der Straße durch die Ölfelder haben wir uns einen scheußlichen Steinschlag eingefangen. Glücklicherweise kann dieser repariert werden – eine Windschutzscheibe ist so ziemlich das übelste Ersatzteil, dass man auf so einer Reise brauchen kann. Diese über den Atlantik zu verschiffen dürfte nicht so einfach und ziemlich teuer sein.

Die Nacht verbringen wir an einer Lagune bevor wir am nächsten Morgen ins Chiricahua National Monument, das bereits in Arizona liegt, fahren. Auch hier werden wir Zeuge der Folgen eines Vulkanausbruchs, diesmal vor rund 27 Millionen Jahren. Winde und Wasser wuschen so lange das weichere Gestein aus dem festeren heraus, bis nur noch unzählige emporragende Gesteinsformationen übrig blieben, das heutige Monument. Wir erwandern uns weite Teile des Parks und schießen hunderte Fotos. Wieder mal ein sehr cooles Ziel – überhaupt ist der Westen voll von Naturattraktionen, wir können uns gar nicht satt sehen. Zudem gefällt uns die Wüstenflora und -fauna sehr gut. Der Campground im Park ist voll, macht aber nix, im angrenzenden National Forest ist das Campen wieder kostenfrei und zudem sehr idyllisch.

Mit dem Wilden Westen verbinden wir natürlich auch Banditen, Indianer, Saloons und kühne Sherriffs, die ihre Colts gegen die Gesetzlosen richten. So legen wir den nächsten Stop ein in Tombstone, dem Schauplatz der Schießerei überhaupt: Wyatt Earp und Doc Holliday gegen den Clan der Clantons und McLaurys am O.K. Corral im Jahr 1881. Das Städtchen ist ganz nett gemacht, wir schlendern über die Hauptstraße und kehren ein im Saloon von Big Nose Kate, der vermutlich ersten Prostituierten in den USA und Freundin von Holliday. Der Laden ist brechend voll und ein zweifelhaft guter Musiker hält alle bei Laune. Übernachten können wir direkt im Ort und so gehören wir abends um Neun(!) zu den Letzten, die die Bürgersteige hochklappen.

Die 900.000 Einwohner Stadt Tucson wartet als nächstes auf uns. Zunächst halten wir für eine Nacht im Colossal Cave Mountain Park bevor wir in den Saguaro Nationalpark, im Westen der Stadt aufbrechen. Eigentlich wollten wir hier nur durchfahren, bleiben aber auf einem sehr netten, kleinen Campingplatz – dem Snowbirds Paradies – etwas ausserhalb des Parks hängen. Der dem Park namensgebende Saguaro, ein bis zu 20 Meter hoher Kaktus, kommt hier in besonders hoher Dichte vor und bildet auf unseren Wanderungen ein schönes Spalier. Zudem beginnt die Kakteenblüte – ein toller Anblick! Und so sind wir – 5 Tage nach unserer Ankunft – immer noch hier. Der Inhaber grinst nur noch, wenn wir ihm jeden Tag aufs Neue 20 Dollar für eine weitere Nacht in die Hand drücken. Aber morgen geht’s dann ganz bestimmt weiter! Wir werden sehen…

2 Gedanken zu „Von Sternen, Stalaktiten, Saloons und Stacheln

  • 6. März 2020 um 8:02
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    Sehr cool. Wie in den Filmen 😊

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  • 6. März 2020 um 0:36
    Permalink

    Und wann seid ihr bei uns in Colorado? 😃

    Antwort

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