Yippieh-ya-yeah – der Westen ruft

13.01.2020 – 26.01.2020

Nach den schönen Tagen am Suwannee River ist es Zeit für uns „um die Ecke“ gen Westen zu biegen. Zumindest wenn man unsere Reiseroute auf der Landkarte verfolgt. Wir haben mal wieder Glück und ergattern einen Campingplatz für drei Tage auf St. George Island. Die Überfahrt auf die Insel ist lustig, wir sehen nur auf dem Navi, dass wir uns auf einer langen Brücke unmittelbar über dem Wasser befinden. Um uns herum ist so dichter Küstennebel, dass wir tatsächlich keine 10 Meter weit sehen. Abends lässt dieser erfreulicherweise nach und wir freuen uns über die Ankunft von Theresa und Mike, die wir bei den letzten Boondocker-Hosts kennengelernt haben. Wir entzünden ein großes Lagerfeuer und quatschen bis spät in die Nacht. An den nächsten beiden Tagen strahlt die Sonne und wir unternehmen lange Radtouren direkt auf dem Strand. Dabei schaffen wir es allerdings zweimal, so spät loszufahren bzw. so lange unterwegs zu sein, bis die Flut das Radeln auf dem dann weichen Sand echt mühsam macht. Aber was solls – das Bier beim Grillen schmeckt trotzdem.

Unser Weg nach Westen führt uns weiter an der Küste entlang. Die großen Schäden, die der Hurrikan Michael 2018 dort angerichtet hat, sind noch immer sichtbar. Überall wird repariert, geschraubt und wiederaufgebaut. Viele Menschen leben immer noch in Trailern auf ihren Grundstücken, da ihre Häuser unbewohnbar geworden sind. Ganze Wälder rechts und links der Straße bestehen nur noch aus abgebrochenen, halbhohen Baumstümpfen, aber es gibt wenigstens erste zaghafte Ansätze, die Stromleitungen unter die Erde zu verlegen. Die Häuser selbst, auch die Mehrzahl aller Neubauten, bestehen nachwievor aus Holz, wie geschaffen zur erneuten Zerstörung durch den nächsten Hurrikan. Alles eine Frage der Zeit und nicht wirklich zu verstehen.

An den blendend weißen Stränden der Emerald Coast legen wir noch einen kurzen Stopp ein. Obwohl es wieder etwas neblig ist genießen wir einen langen Spaziergang im seichten Wasser der Brandung entlang der Dünen. Wir sind alleine hier, es ist traumhaft ruhig und wildromantisch.

Die Staaten Alabama und Mississippi sind für uns nur Durchgangsstation auf unserem Weg nach New Orleans. Dort kommen wir am Freitagmittag an, beziehen einen Parkplatz in Jude´s Travel Park und machen uns mit dem öffentlichen Bus auf den Weg ins French Quarter. Dort kommen wir nach einer gefühlten Ewigkeit tatsächlich auch noch an und landen nach ein paar ersten Schritten auf der Decatur Street gleich in B.B.King´s Blues Club. Es spielt eine tolle Live-Band, es ist Happy Hour – was wollen wir mehr? Am späten Nachmittag gehen wir doch nochmal vor die Tür und schlendern durchs Viertel. Vorbei am Louis Armstrong Park werfen wir einen Blick auf den sehr breiten und sehr braunen Mississippi, bevor wir in die bekannte Bourbon Street einbiegen. Hier ergreifen wir allerdings schnell wieder die Flucht, ein bisschen zu sehr Ballermann. Wir ziehen vorbei an den Wahrsagern, Hexen und Voodoopriestern, die auf dem Jackson Square ihre Dienste anbieten und landen schließlich wieder bei B.B.King, wo wir einen schönen Abend verbringen bevor wir uns mit Uber zurück zu unserem Parkplatz bringen lassen. Unser Fazit zu New Orleans ist geteilt: einerseits gefällt uns die Atmosphäre, gerade auf der Decatur Street, andererseits ist die Stadt teilweise sehr heruntergekommen. Die Mischung aus partywütigen Amerikanern, die ihre sonst eher prüden Moralvorstellung beim Besuch dieser Stadt über Bord werfen und der großen, sichtbaren Armut in Form von vielen Obdachlosen hinterlässt ebenfalls einen faden Beigeschmack. So zieht es uns am nächsten Morgen weiter und wir legen einen langen Fahrtag ein.

Nach 380 Kilometern über Louisianas Straßen, die aufgrund der vielen Sümpfe meist auf Pfosten aufgeständert wurden, kommen wir bei Einbruch der Dunkelheit am Rutherford Beach an. Leider können wir nicht genießen, dass man hier direkt auf dem Strand stehen kann, es zieht ein heftiges Gewitter direkt über uns hinweg. Und obwohl es regnet, blitzt und gleichzeitig donnert können wir die Fenster keinen Millimeter öffnen. An unseren Scheiben hängen hunderte Mücken, die uns mit blutrünstigen Blicken geradezu verschlingen. Da hilft auch kein Mückengitter, sie schlüpfen durch jede kleine Ritze (wir haben es ausprobiert und die Mückenpopulation um gute hundert Stück erleichtert). Die Nacht ist zudem ungemütlich, der Strand lockt ein paar Irre an, die mit ihren röhrenden Pickups entlang der Brandung heizen. So ziehen wir am nächsten Tag weiter an Mae´s Beach. Hier sind wir alleine, das Wetter bleibt aber kühl und ungemütlich und wir laufen nur ein wenig am Strand entlang. Das Wasser an diesem Küstenstreifen ist ohnehin nicht toll – durch hunderte Tonnen Sedimente, die der Mississippi tagtäglich mit sich bringt, ist es schlammig-braun und nicht wirklich einladend.

So kehren wir auch Louisiana schnell den Rücken und überqueren die Brücke nach Texas. Als Begrüssungskommitee tauchen alte, rostige Förderpumpen, riesige Ölraffinierien und -plattformen auf, Schwerölgeruch liegt in der Luft. Dem aktuellen Ölförderboom sei Dank! Aber wir wollen uns nicht beschweren, zahlen wir doch momentan gerade mal 60 Cent für den Liter Diesel. Auf der Bolivar Peninsula treffen wir uns wieder mit Sandie und Karsten, gerade rechtzeitig um Karstens Geburtstag miteinander zu feiern. Auch hier können wir direkt auf dem Strand parken, die Sonne spielt mit und so packen wir die Stühle aus, futtern selbstgebackenen Kuchen und selbstgemixte Drinks.

Für längere Zeit ist dies nun erstmal unser letzter Tag am Meer, denn wir fahren landeinwärts in Richtung San Antonio. Dort können wir beim Texas Air Museum zwei Tage parken. Entlang des River Walk radeln wir in das wirklich sehr hübsche Städtchen, besuchen die sehr gut erhaltene Missionsstation „La Concepción“ aus dem Jahr 1731 und natürlich „The Alamo“. Eine wichtige Bastion während des texanischen Freiheitskampfes 1836 und die Pilgerstätte für viele Texaner. Durch Downtown weht ein Hauch von Mexiko und San Antonio fällt damit definitiv aus dem Rahmen der sonst üblichen US-Metropolen. Wir gehen lecker Essen, schlürfen ein paar Happy Hour Margarithas und schlendern durch den mexikanischen Markt bevor wir die 15 Kilometer zu unserem Parkplatz beim Museum zurückradeln. 

An uns Vieren zerrt die Abenteuerlust und die Vorfreude auf den Big Bend Nationalpark. So legen wir erneut viele Kilometer zurück (Texas ist riesig), plündern den letzten Walmart auf der Strecke und wandern noch einen Nachmittag im Seminole Canyon State Park. Direkt am Zusammenfluss von Rio Grande (dem Grenzfluss zu Mexiko) und Rio Pecos (Winnetous Paddelrevier) dürfen wir mit dem Segen der nun allgegenwärtigen Border Patrol die Nacht verbringen.

Und dann sind wir endlich da – im Wilden Westen, im Big Bend Nationalpark. Und davon erzählen wir Euch beim nächsten Mal.

Ein Gedanke zu „Yippieh-ya-yeah – der Westen ruft

  • 9. Februar 2020 um 15:42
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    Wieder mal ein extrem schöner und informativer Bericht…den hätten wir einfach kopieren sollen ?. Es macht einfach Spaß „Euch zu lesen“ aber noch mehr Spaß macht es mit Euch zusammen zu sein. ?

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