Big Bend – Big Wow

27.01. – 10.02.2019

Nachdem wir in den letzten Tagen viele Kilometer gen Westen abgerissen haben, freuen wir uns nun endlich auf die Weite des Big Bend National Parks.

Der Park befindet sich im Süden von Texas an der Grenze zu Mexiko. Der Rio Grande bildet einen über 1500 km langen Teil dieser Grenze zwischen Mexiko und den USA und rund ein Viertel davon bildet gleichzeitig die Grenze des Nationalparks. Der Park umfasst eine Gesamtfläche von über 3.200 Quadratkilometern und zählt damit zu den größten Nationalparks der Vereinigten Staaten.

Bereits bei der Einfahrt werden wir von den ersten Eindrücken umgehauen. Eine schier endlose, wilde Weite, die das Auge kaum erfassen kann. Eine wüsten- und steppenartige Vegetation, ein Bergmassiv am Horizont, und eine nur kaum befahrene Asphaltstraße, die uns tiefer in den Park hineinführt. Zusammen mit Sandie und Karsten fahren wir als erstes zum Visitor Center an der Panther Junction. Wir wollen die Gelegenheit nutzen, die Tage im Park auf den Backcountry-Campingplätzen zu verbringen, aber das will genau geplant werden. Die Plätze müssen im Voraus gebucht und bezahlt werden, sind aber mit 10$ pro Nacht für beide Fahrzeuge echt günstig. Wir entscheiden uns für 5 unterschiedliche Plätze entlang einer im Uhrzeigersinn um den Park verlaufenden Route.

Unser erster Übernachtungsplatz liegt am Grapevine-Hill, am Ende einer 12 Kilometer langen, gut zu fahrenden Piste. Als wir aussteigen, können wir es erst gar nicht so richtig fassen. Wir sind alleine, völlig ab vom Schuss, um uns herum nur wilde Natur und fantastische Ausblicke. Wir nutzen den Nachmittag noch für eine Wanderung zum Balanced Rock, bevor wir am Abend die Köpfe in den Nacken werfen um den umwerfenden Sternenhimmel zu genießen. Der Big Bend Nationalpark ist einer der dunkelsten Plätze der USA und liegt in der sog. „Dark Skies Area“. Durch die nur geringe Besiedelung gibt es kein künstliches Licht, das die Sicht auf die Sterne einschränkt. Die Milchstraße tritt ausgeprägt hervor und mit dem Fernglas können wir sogar den Andromedanebel erkennen. Unglaublich faszinierend. Zudem gibt es absolut keine Geräusche, so dass wir manchmal nur flüstern um die Ruhe nicht zu stören.

Am nächsten Morgen wandern wir einfach drauf los, denn auch querfeldein ist hier im Nationalpark erlaubt. Wir suchen uns ein trockenes Bachbett und wandern hinein in eine Landschaft aus unterschiedlich weiten und tiefen Canyons, die sich mit größeren und kleineren Hügeln abwechseln. Anfangs sind wir nicht ganz sicher, wohin uns der Weg führen wird, sind aber ganz optimistisch, dass wir irgendwie eine Runde, zurück zu unserem Stellplatz, hinkriegen werden. Denn wer will schon den gleichen Weg zurück gehen, den er gekommen sind? Wir sind uns auch mehrmals ziemlich einig, dass wir nur noch einen Canyon über- oder durchqueren müssen, denn da hinten, ganz in der Nähe (oder vielleicht doch eher in der Ferne?) glitzern doch die Scheiben unserer Trucks… Naja, aus einem Canyon werden dann 4 oder 5, aber wir können mit vereinten Kräften dann doch alle irgendwie erkraxeln und kommen tatsächlich fast dort raus wo wir hinwollten und das Ankommbier will schließlich verdient sein.

Nach zwei Nächten machen wir uns auf den Weg zu unserem nächsten Übernachtungsplatz im Pine Canyon. Nach kurzer Fahrt auf Asphalt biegen wir rechts ab auf die nächste Piste. Diese ist bereits nicht mehr PKW-kompatibel und hohe Bodenfreiheit wird gebraucht. Wir genießen die Fahrt sehr und auch der Dicke darf ein bisschen zeigen, was er pistenmäßig so drauf hat. Der Stellplatz ist wieder wunderschön gelegen, die Ausblicke komplett anders als an den Tagen zuvor. Die Wanderung in den Pine Canyon, führt uns wie der Name schon sagt, in einen schattigen Pinienwald, ganz ans Ende einer Schlucht. Schilder mit Abbildungen von Schwarzbären und Berglöwen warnen vor eventuellen Mitwanderern und geben Tipps für eine mögliche Begegnung (so Ermutigendes wie: „never run – fight back“ – and „afterwards inform the ranger“) Wir sehen sehr viele, unterschiedliche Tierspuren, aber keine Tiere. Nur nachts wenn die Koyoten heulen, wird uns sehr bewusst, dass wir definitiv nicht alleine hier draussen sind. Aufregend.

Weiter geht es in Richtung Rio Grande Village, ans Ufer des namensgebenden Flusses. Hier könnte man offiziell über die Grenze nach Mexiko gehen, wir begnügen uns mit einem Blick vom Boquillas Canyon Trail ans andere Ufer. Der Rio Grande ist eher ein Rio Pipi und führt nur wenig Wasser und alle Diskussionen um Grenzzäune, Illegale, gefährliche Mexikaner wird beim Winken zu den Menschen auf der anderen Uferseite zur absoluten Farce. Auch die patrouillierende Grenzpolizei ist eher mit dem Einsammeln von zum Verkauf angebotener mexikanischer Souvenirs beschäftigt, als mit massenhaft die Grenze überschwemmender Illegaler – und natürlich damit ein Schwätzchen mit uns zu halten. Am frühen Nachmittag machen wir uns auf den Weg zu unserem nächsten Übernachtungsplatz in Solis. Sind ja nur 22 Kilometer, da werden wir wohl so ein Stündchen brauchen. Weit gefehlt – die River Road East hat es stellenweise ganz schön in sich. Wir sind sehr, sehr froh, dass wir im letzten Jahr den federgelagerten Zwischenrahmen haben einbauen lassen. Der Dicke muss sich auf dieser rauen, anspruchsvollen Piste das erste Mal so richtig ins Zeug legen und kräftig verwinden. Wir durchfahren unter anderem einen engen, sehr ausgewaschenen Canyon und andere Schmankerl. Aber nicht nur der Dicke, auch der Fahrer schlägt sich tapfer und so kommen wir am späten Nachmittag, zwar etwas erschöpft aber glücklich, am Platz an. In der Rangerstation wurde uns übrigens erzählt, dass im letzten Jahr im Park ein Unimog auf einer der Pisten umgefallen ist, dessen Bergung fast einen Monat gedauert hat. Das können wir uns nun auch irgendwie vorstellen … Von Solis aus machen wir am nächsten Tag wieder eine sehr tolle Wanderung, und wie in den letzten Tagen auch sind wir komplett alleine.

Bevor wir uns auf die River Road West wagen, das mit 44 Kilometer längste Teilstück unserer gewählten Route, besichtigen wir eine stillgelegte Quecksilbermine. Durch die trockene Wüstenluft ist das Gelände noch gut erhalten und gibt einige interessante Details preis. Die trockene Luft (die Luftfeuchtigkeit beträgt nur zwischen 15 und 20 %) versucht im Übrigen auch uns zu konservieren und so trinken wir mehrere Liter am Tag um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Lippenpflegestift und Hautcreme sind im Dauereinsatz. Die River Road West toppt dann alles was wir bisher gefahren sind. Sehr steile Auf- und Abfahrten, das Adrenalin nach oben jagende schräge Passagen, tiefe Auswaschungen, trockene Flussbetten die längs oder quer zu durchfahren sind. Aber alles geht gut und wir können nun auch unsere ersten wirklichen Pistenerfahrungen vorweisen. Fotos gibt es vor lauterAufregung leider nicht. Auch werden wir immer daran erinnert – viele Dornen haben ihre Spuren am Dicken hinterlassen. Aber er trägt sie mit Stolz!

Wir schnaufen alle so ein bisschen durch als wir bei Castolon wieder auf die Teerstraße stoßen und eine Weile wie auf weichem Polster bis zum Santa Elena Canyon (wenig spektakulär!) fahren. Das Stückchen Piste zu unserem letzten Übernachtungsplatz im Backcountry ist dann nicht mehr der Rede wert und wir genießen unsere letzte Nacht „im Freien“. Wobei so richtig genießen wir erst als klar ist, dass die beeindruckende Gewitterfront, deren Wolken in schwarz-dunkelblau bis lila gefärbt sind, an uns vorbeizieht.

Am nächsten Morgen müssen wir früh aufstehen, wir wollen ins Gebirge des Parks, genauer gesagt ins mit Campingplatz und Lodge gut erschlossene Chisos-Basin, dem Ausgangspunkt vieler Wanderungen. Es liegt auf 1600 Meter Höhe und der Campingplatz ist first come-first serve und soll gut gefüllt sein. So ist es dann tatsächlich und wir ergattern die letzten beiden Plätze. Am Nachmittag machen wir eine kleine Wanderung zum Window, einem scenic view point mit überwältigender Aussicht ins Tal. Und während wir so dahin schlendern sind die Männer plötzlich ganz aufgeregt und deuten uns beiden Mädels an, die Klappe zu halten. Im Gebüsch direkt neben dem Wanderweg, keine 10 Meter neben uns, steht ein Schwarzbär. Wir sind einerseits hingerissen, endlich mal einen echten Bären zu sehen, andererseits ist das natürlich auch ein sehr komisches Gefühl, wissen wir doch nicht, wie der Bär heute so drauf ist. So bleiben wir mit schlagendem Herzen aber dann doch eine kleine Weile stehen und beobachten das Tier. Er ist an uns allerdings nicht sonderlich interessiert und bleibt im Gebüsch versteckt. „Ich habe heute leider kein Photo für Euch“ – vielleicht handelt es sich bei dem Bären aber auch um einen illegalen Immigranten, ohne Papiere? Ein mexikanischer Schwarzbär ist es in jedem Fall, wie uns eine Rangerin später erklärt.

Den nächsten Tag verbringen wir drinnen, kochen Gulasch, spielen Karten und vertreiben uns die Zeit – es hat nämlich geschneit und es ist ungemütlich nasskalt. Am nächsten Tag lacht wieder die Sonne, es bleibt zwar kühl und windig, wir machen uns aber trotzdem auf den höchsten Berg im Park zu besteigen. Den Emory Peak erreichen wir nach knapp drei Stunden auf 2.385 Meter Höhe und nach einem windigen Gipfelphoto und einer kleinen Jause machen wir uns auch schleunigst auf den Weg abwärts bevor wir ganz ausgekühlt sind. Und außerdem lockt uns die Einkehr im einzigen Restaurant im Park – heute wird mal nicht selbst gekocht, heute lassen wir frittieren. Uns so hauen wir uns diverse fettigen Gaumenfreuden in den Wanst, spülen mit einem Fettspalter nach und legen uns zufrieden und erschöpft in die Falle.

Nach 11 Tagen verlassen wir den Big Bend Nationalpark und die Wege von uns und Sandie und Karsten trennen sich wieder. Wir danken Euch beiden sehr herzlich für die tollen Tage im „Off“!

Während die Beiden nach Norden ziehen, haben wie beide noch nicht genug von der Big Bend Area. Neben dem Nationalpark gibt es den großen, unbekannten Bruder: den Big Bend Ranch State Park. Der setzt der Wildheit des National Parks noch einen drauf, aber das wissen wir zu diesem Zeitpunkt (zum Glück) noch nicht. So fahren wir nach einer Nacht an der Bibliothek in Presidio – Wäschewaschen und Einkaufen tut dringend Not – frohen Mutes die 40 Kilometer Schotterpiste zur Rangerstation mitten im Park. Die nette Rangerin empfiehlt uns einen Übernachtungsplatz auf dem Hochplateau, ca. 20 Kilometer entfernt. Mit Blick auf unser Fahrzeug bestätigt sie uns noch, dass die Piste für uns überhaupt kein Problem sei. Das stimmt auch, zu mindestens die ersten vier Kilometer. Für die nächsten vier brauchen wir dann auch nur knapp eine Stunde: steile Aufstiege wechseln sich mit lustigen Auswaschungen, Stufen und waghalsigen Abfahrten auf einer völlig zerfurchten Piste ab. Für den Dicken kein Problem, für uns schon. Und so geben wir hier auf, zum Glück haben wir uns vorsorglich einen alternativen Übernachtungsplatz geben lassen und sparen uns die weiteren 12 Kilometer. Kaum angekommen treffen wir den Parkpolizisten (gibt’s hier wirklich), der uns zu unserer Entscheidung gratuliert, da die folgende Piste wohl noch die Steigerung der bisher gefahrenen ist. Er erzählt uns noch die haarsträubende Geschichte, wie er dem hilflosen Fahrer des Unimogs – eben jenes, der dann später im National Park umgefallen ist – bei einem Reifenwechsel helfen musste. Dann entlässt er uns in die Einsamkeit, und das fühlt sich zunächst ziemlich komisch an, aber wir finden schließlich Gefallen dran. Am nächsten Morgen machen wir eine Wanderung in den Panther Canyon. Und da wir ja blutige Anfänger sind, unterschätzen wir die Entfernung, die Hitze und Trockenheit total. Mit nur 1,5 Litern Wasser machen wir uns auf den Weg und müssen uns die letzten Tropfen auf dem Rückweg dann mehr als einteilen. Zur Erholung fahren wir anschließend die üble Piste zurück zur Rangerstation und organisieren uns noch einen anderen Übernachtungsplatz. Dieser liegt wunderschön in einer Senke, wir entzünden ein Feuer und genießen die Rauheit der Landschaft. Am nächsten Tag starten wir eine Wanderung zum West Rim Overlook, diesmal nehmen wir gleich die ganze Wassergallone (immerhin fast vier Liter) mit und bestaunen am Endpunkt den Blick über die Ebene und auf den Solitario, den kreisrunden Überresten eines Megavulkans mit 16 Kilometern Durchmesser. Gigantisch! Natur und Frittieren können die Amis wirklich!

Noch am Nachmittag zieht es uns zurück nach Presidio in die Zivilisation und vor allem mal wieder ans Internet. Völlig ausgehungert lesen wir es am Abend nahezu leer und recherchieren unsere weitere Route gen Westen.

4 Gedanken zu „Big Bend – Big Wow

  • 27. Februar 2020 um 3:35
    Permalink

    Hello Ihr Süßen, wir bedanken uns bei Euch für die wunderbare Zeit im Big Bend. Es war einfach eine fantastische Zeit und ihr seid zauberhaft. Aber das wisst ihr ja.
    Wir freuen uns schon wieder auf die nächsten gemeinsamen Abenteuer.
    By the way … wieder mal ein super Bericht. 😘

    Antwort
    • 27. Februar 2020 um 4:17
      Permalink

      Zucker 😍

      Antwort
  • 25. Februar 2020 um 16:31
    Permalink

    Hi ihr Lieben, da habt ihr mal wieder 2 tolle Nationalparks erkundet. Herrliche Bilder. Kann man Teile davon auch mit normalem Wohnmobil erkunden? Oder mit SUV und Zelt? Oder.gibt es nur die von euch beschriebene Strecke.
    Weiterhin alles Gute für Euch.
    Liebe Grüße von unserem Skiurlaub im Berner Oberland aus Gstaad, Uli und Brigitte

    Antwort
    • 27. Februar 2020 um 4:22
      Permalink

      Liebe Brigitte, lieber Uli, die Zeit im Big Bend war für uns unglaublich toll. Ein grandioser Einstieg in den „Wilden Westen“
      Auch mit einem normalen Wohnmobil können Teile des Parks befahren werden, die Einsamkeit der Weite des Parks bleibt auf den üblichen Campingplätzen aber verborgen. Eine ideale Kombination wäre ein geländegängiger Jeep und ein Zelt, die Grösse unseres Dicken war aufgrund der sehr stacheligen Vegetation manchmal schon grenzwertig.
      Vielen lieben Dank wie immer fürs Mitreisen!
      Michaela und Peter

      Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.