Oh wie schön ist Polen

… doch bevor wir dieses, für uns bis dato unbekannte Reiseland erkunden, fahren wir gemütlich an der deutschen Ostseeküste entlang und machen uns warm für unsere neue Tour. Wir starten in Wismar, legen einen kurzen Stopp auf der Insel Poel ein, wundern uns dass wir dort den Timmendorfer Strand finden (die bekanntere Ausgabe davon liegt weiter westlich), besuchen das sehenswerte Schifffahrtsmuseum in Rostock, fahren übers Fischland Darß. Auf Rügen wandern wir die Steilküste entlang, sammeln Kreide und Hühnergötter und werfen einen Blick auf Prora, essen Backfisch in der Hansestadt Greifswald und bleiben schließlich ein paar Tage in den Kaiserbädern auf Usedom. Dort wird gegrillt, am Strand gechillt und gefrisbeet und mit dem Radl fahren wir zum ersten Mal über die Grenze nach Swinemünde/Polen. 

Am nächsten Tag nehmen wir den Dicken mit und lassen uns mit der Fähre über die Swina nach Polen bringen. Unsere erste Station ist der Türkissee, der zwar leider an diesem Tag nicht türkis flimmert, aber sich trotzdem in den herrlichen Buchenwäldern gut umwandern lässt. Einen Blick aufs Stettiner Haff gibts dazu. Am späten Nachmittag richten wir uns auf dem Campingplatz in Mrzezyno ein und erkennen nach den ersten Kontakten und auch nach einigen, wirklich ernsthaften Versuchen mittels Google-Übersetzer, dass es wohl nichts werden wird mit den paar Brocken Polnisch, die wir zumindest beherrschen wollten. So bleibt es (leider) bei „dzien dobry“ und „uwaga“ – zu mehr lässt sich unsere Zunge nicht verknoten.

Ein Stück ausserhalb von Mrzezyno entdecken wir im Naturschutzgebiet einen traumhaften, kilometerlangen und noch dazu menschenleeren, weißen Sandstrand und sind begeistert. Im weiteren Verlauf unserer Reise werden wir feststellen, dass nahezu die ganze Ostseeküste Polens so fantastisch ist. Die Urlaubssaison in Polen ist kurz und beschränkt sich weitgehend auf den Juli und August – daher ist momentan in den Urlaubsorten an der Küste das Meiste geschlossen und dementsprechend wenig los. Wie gemacht für uns 🙂 Dass dazu auch noch das Wetter perfekt ist und uns die Sonne schon seit Beginn der Tour begleitet ist das Schmankerl obendrauf. 

Unsere nächste Station ist der Slowinzische Nationalpark, genauergesagt die Wanderdünen bei Leba. 1977 zum Weltbiosphärenreservat erklärt, umfasst der Park auf über 18.000 Hektar eines der größten europäischen Sanddünengebiete und ist einfach nur wow. Die durchschnittlich 35 Meter hohen Sandberge wandern jährlich zwischen 5 und 10 Meter und begraben den nahestehenden Wald Stück für Stück unter sich. Dass vor den Dünen wieder ein superschöner Sandstrand liegt, versteht sich natürlich von selbst. Der Sand ist so fein, dass wir diesen wirklich überall haben – unser mitgebrachtes Picknick verstauen wir bald wieder im Rucksack – die mit Sand angestaubten Käsewürfel knirschen doch sehr in den Zähnen.

Auf der Halbinsel Hel fahren wir bis vorne an die Spitze und stehen mit den Füßen im Sand zwischen Ostsee, Pucker Bucht und leider auch einer Menge militärischem Gerümpels, das die Polen zu lieben scheinen. In Wladyslawowo finden wir einen schönen Platz über den Klippen und grillen mit 1A-Meerblick. 

Sehr gespannt sind wir auf die „Königin der Ostsee“ – die mehr als 1000 Jahre alte Hansestadt Danzig. Mit der „nostalgischen“ Straßenbahn rumpeln wir an drei Tagen von unserem Campingplatz am Plaza Stogi in die Innenstadt und sind begeistert. Danzig wurde im zweiten Weltkrieg zu über 90% zerstört, aber anschließend originalgetreu wieder aufgebaut. Viele Stunden lassen wir uns durch die Rechtstadt am Ufer der Motlawa und die Altstadt am Radaunekanal treiben und entdecken dabei immer wieder neue schöne Details an den prunkvollen Giebelhäusern und den zahlreichen Stadttoren. Die Restaurantszene ist klasse – alle Lokale haben Sitzplätze draussen und sind sehr individuell eingerichtet. Die ewig gleichen Shoppingketten sucht man in der Innenstadt zum Glück vergeblich – diese wurden in den großen Einkaufszentren ausserhalb angesiedelt.

Die Chronik der polnischen Revolution und deren weltpolitischen Folgen lassen wir uns im sehr sehenswerten und wirklich gutgemachten Europäischen Solidarnosc-Zentrum ECS (ein spektakuläres Gebäude auf dem Gelände der Danziger Werft) multimedial erklären. Auch das erst 2017 eröffnete Museum zum zweiten Weltkrieg ist beeindruckend – wenn auch durch die aktuelle Regierung scheinbar auf dem Weg zu einem politischen Instrument – bleibt uns der letzte Satz des Audioguides noch länger im Gedächtnis: „Haben wir denn aus diesem Krieg gar nichts gelernt?“

Danzig ist für uns absolut die Königin und würde uns noch viel länger zum Verweilen, Genießen und Staunen einladen, wären da nicht noch die vielen anderen Spots auf unserer Tour durch Polen, die uns in den nächsten Tagen erwarten. 

Die Polen sind ein sehr offenes, freundliches, auf den ersten Blick zwar etwas herbes Völkchen – auf den zweiten kann es aber dann doch schon mal passieren dass frau von der Campingplatzbesitzerin zum Abschied an den üppigen Busen gedrückt wird … Das einzige was uns an Polen bislang aber wirklich nicht gefällt ist der Zustand der Straßen und der Verkehr. Sobald die Straßen mehr als 2 Nummern haben, sind wir noch am frohesten wenn es eine Mittellinie gibt. Der Dicke hüpft zwar munter von Schlagloch zu Schlagloch, wir fürchten aber doch ab und zu um seine Vorderachse und um unsere Zähne und Knochen. Es ist abschüssig, es schauckelt und rumpelt und dabei gilt es auch noch immer den Gegenverkehr und den Verkehr, der von hinten kommt genau im Auge zu haben. Es wird überholt was das Zeug hält. Es scheint uns als wäre der Überholer nur der Ausführende, die Anderen – also der Überholte und der Gegenverkehr – sind dafür zuständig dass den Überholvorgang auch alle überleben. 

 

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