Southern Comfort

09.11. – 12.12.2019

Den Weg an die Küste South Carolinas bringen wir recht unspektakulär hinter uns. Wir nehmen die Interstate, halten den Verkehr auf (wir sind mit Abstand die langsamsten auf der Straße) und treffen uns mit Sandie und Karsten im Santee Coastal Preserve. Dort gibt es einen kostenlosen primitive Campground und dieser ist bei unserer Ankunft: voll besetzt. Eine große Pfadfindergruppe hat sich über den ganzen Platz verteilt und ein paar andere Camper nutzen das Wochenende für einen Ausflug. Wir finden für unsere zwei kleinen Trucks aber noch einen annehmbaren Platz unter den herrlichen, mit Spanish Moss behangenen Eichen. Kaum eingeparkt lernen wir auch schon den Chef-Ranger des Preserve kennen. Joachim, der vor ein paar Jahren in die USA ausgewandert ist, versichert uns nicht nur, dass die Boyscouts am nächsten Morgen abziehen, sondern er bietet uns in den nächsten Tagen dazu noch ein unglaubliches Programm.

Bevor wir allerdings mit ihm auf Tour gehen, wagen wir uns auf eigene Faust auf die Wege in den Sümpfen. Und trauen unseren Augen kaum: Rechts und links liegen beeindruckend große Alligatoren auf ihren Sonnenplätzchen. Wir fühlen uns wie im Zoo, nur ohne Zaun. Die Aufregung übernimmt die Führung und so entdecken wir immer weitere Exemplare, auch ein paar besonders süße Babys sind dabei. Am Abend nimmt uns Joachim mit seinem Boot dann mit raus in die ehemaligen Reisfelder. Vor einem perfekten Sonnenuntergang kommen wir in den Genuss die artenreichen Vogelwelt des Preserve zu bestaunen. Pelikane, Weißkopfseeadler, Löffler, Störche, Reiher und diverse Entenarten fühlen sich gerade in dieser Jahreszeit pudelwohl in den seichten Gewässern. Als die Reisfelder Anfang des 20. Jahrhunderts aufgegeben wurden, hat ein privater Jagdclub das riesige Gebiet übernommen und fortan Jagden für die „Reichen und Superreichen“ veranstaltet. Dazu wurde auf dem Gelände ein formidables Gäste- und Clubhaus errichtet, das heute als Verwaltungsgebäude dient. Nach einer Führung durch die Räumlichkeiten bietet uns Joachim wie selbstverständlich an, die Duschen oder auch das Internet in den nächsten Tagen jederzeit zu benutzen. Und außerdem können wir natürlich auf dem Campground bleiben, solange wir wollen. Wow!

Am nächsten Tag machen wir uns zu Viert wieder auf Alligatorpirsch und werden auch in einem anderen Teil des Parks wieder fündig. Unglaublich – und das alles auch noch exklusiv für uns alleine.  Das Preserve ist selbst bei den ansässigen Amerikanern nicht sehr bekannt und außerdem für Fußfaule nicht geeignet.

Die Fahrt mit dem Airboat direkt in die Reisfelder toppt dann alles: Laut dröhnend übers Wasser, durchs Schilf und über die Dämme gehts dahin. Unmengen verschiedenster Vögel ergreifen fliegend, hektisch übers Wasser watschelnd oder – wenn nichts mehr hilft – tauchend vor dem Ungetüm die Flucht. Wir dürfen uns im Gegenzug ein wenig nützlich machen und die im Wasser stehenden Stände für die kommende Jagdsaison mit Schilf verkleiden. Am Abend lädt uns Joachim mit seiner Familie noch auf frisch gefangenen Seebarsch ein. Filettieren und Showcooking vom Allerfeinsten! Und weil es so schön ist bleiben wir eine ganze Woche hier und fahren nur weiter, um der nächsten Einladung zu folgen. Danke für die geile Zeit, Joachim!

Peter, den wir über Joachim kennen lernen, ist vor über 50 Jahren in die USA ausgewandert und wohnt mit seiner Frau Helena im 70 Kilometer entfernten Mount Pleasant. Nach nicht mal 10 Minuten, die wir uns mit ihm unterhalten, lädt er uns Vier zu sich nach Hause ein, um dort ein paar Tage zu verbringen. Wir sind schwer begeistert, bedanken uns bei Joachim für die tolle Zeit und schlagen pünktlich zum Kaffee auf dem Anwesen von Peter und Helena auf. Die Beiden sind unglaublich tolle Gastgeber, wir dürfen uns wie zu Hause fühlen und werden spitzenmäßig verköstigt. Wir erkunden von dort aus Charleston, gehen sogar in die Kirche, in der Helena singt, verbringen einen tollen Tag am Strand von Sullivan´s Island, schlürfen Drinks auf dem Sonnendeck mit einer fantastischen Aussicht, machen eine Paddeltour mit Peter und besuchen die Boone Hall Plantation. Zu Thanksgiving kommen wir in den Genuss eines echten amerikanischen Festmahls rund um einen riesigen Truthahn. Wir fühlen uns von soviel Gastfreundschaft sehr geehrt und hoffen, dass wir Euch Beide irgendwann, irgendwo auf dieser Welt wieder treffen werden.

Nach fast zwei Wochen ist es auch für uns Zeit weiter nach Süden zu fahren und Sandie und Karsten, die schon einige Tage eher aufgebrochen sind, wieder einzuholen. Auf dem Weg besichtigen wir noch die Südstattenschönheiten Beaufort und Savannah. Letztere glänzt mit viel Grün in dem schachbrettartigen Straßennetz und sogar Forrest Gump hat es sich auf einer der Bänke gemütlich gemacht. Bevor wir die Georgia in Richtung Florida verlassen bleiben wir noch eine Nacht an einer Bootsrampe auf der wunderschönen Jekyll Island. Als eine der „Golden Isles“ ist diese weitgehend naturbelassen und bietet am Driftwood Beach herrliche Fotomotive. Als wir in St. Augustine ankommen, denken wir kurz, wir sind falsch abgebogen. In der wohl ältesten Stadt der Vereinigten Staaten fühlen wir uns wie in Grenada oder Sevilla. Die spanische Kolonialarchitektur ist wunderschön restauriert und ganz und gar untypisch für die heutige amerikanische Städtebauweise.

Dann drängt die Zeit – wir haben ein Date! Für den 04.12. ist ein Raketenstart einer SpaceX, für einen Versorgungsflug zur Internationalen Raumstation, angesetzt. Das wollen wir auf gar keinen Fall verpassen. Und so stehen wir, wieder zu Viert, am Strand in Titusville, die Kameras ausgerichtet, die Ferngläser im Anschlag und es passiert – NIX. Der Raketenstart wird kurz vorm Lift-Off aufgrund zu starker Winde auf den nächsten Tag verschoben. Erst sind wir etwas enttäuscht, am nächsten Tag wissen wir aber, dass das ein absoluter Glücksfall für uns war. Wir besuchen das Kennedy Space Center und sind dort ohne die sonst wohl üblichen Menschenmassen unterwegs. Die waren nämlich alle gestern, am ursprünglich angesetzten Termin, vor Ort. So können wir alle Attraktionen des KSC ohne lästige Warteschlangen bestaunen und sehen den Raketenstart aus nächstmöglicher Nähe. Was für ein unglaubliches Gefühl. Der mit dem Start verbundene Lärm und die Druckwellen gehen uns durch den ganzen Körper. Alle Sinne sind beschäftigt, die Eindrücke aufzunehmen. Wahnsinn!

Florida ist als „Sunshine State“ gerade über den Winter vollständig ausgebucht und überfüllt. So bleibt uns nichts anderes übrig als uns in den nächsten Wochen auf das Abenteuer „Pauschalurlaub“ einzulassen. Normalerweise lassen wir uns lieber treiben und planen wenig, aber wir sind ja flexibel und so buchen wir die Campgrounds der nächsten Wochen, zusammen mit Sandie und Karsten (die Beiden haben immer noch nicht genug von uns), im Voraus. Als ersten Stopp suchen wir uns den Long Point Campground auf dem Sebastian Inlet aus. Der kaum besuchte Strand am Atlantik ist nur 3 Radelkilometer entfernt, das Wasser mit 22 Grad mehr als badefein und die Brandung ideal für ein klein wenig „Schleudergangfeeling“. Knapp 30 Grad Lufttemperatur haben wir Beide im Dezember auch noch nicht erlebt. Im Brackwasser vor unserer Haustür können wir jagende Pelikane, Delfine und kleine Rochen beobachten. Doch leider machen wir auch Bekanntschaft mit einer sehr unangenehmen Art von Zweiflüglern. Den sog. No-see-ums. Diese klitzekleinen, fast unsichtbaren Mücken terrorisieren uns regelrecht und rauben uns so etwas den Spaß in unserem doch eigentlich wohlverdienten Urlaub. Aber irgendwas ist wohl immer?

6 Gedanken zu „Southern Comfort

  • 1. Januar 2020 um 14:09
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    Natürlich noch alles Gute im Neuen Jahr!
    Habe ich glatt vergessen. War in Gedanken zu sehr bei euch und in Amerika…!
    Neujahrstag 2020, Uli Eicher

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  • 1. Januar 2020 um 14:06
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    Liebe Michaela, lieber Peter,
    sehr schön was ihr alles erlebt. Ihr seid Glückskinder! An etlichen Orten waren wir auch schon mit größtem Vergnügen, aber euere intime Einblicke haben wir mit Mietauto, Zelt, Motel nicht bekommen. Das geht nur mit eurem Dicken…! Es sei euch gegönnt!
    Weiterhin alles Gute!
    Liebe Grüße aus Baden-Baden, Uli und Brigitte

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    • 10. Januar 2020 um 22:26
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      Happy New Year, Peter and Michaela.
      We have been with you since the Baltic Sea, and though we have said very little to you, we are taking great pleasure from your wanderings. You have reminded us of our time working in Halifax (NS) and travelling down the eastern seaboard. You are now entrancing us with your travels in areas we did not reach. Thank you.

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  • 19. Dezember 2019 um 18:59
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    Nice to see you both (or all) enjoying yourselves and letting me enjoy your photos. Very nice! I meet you at Big Meadow CG, Shenandoah Nat’l Park. I’m the Lampp old guy. So, now you are in my „neck of the woods“ (my home-20… where I live), Florida. Home of alligators and big mosquitoes and our wonderful no-see-ums (I say, sand gnats)… those tiny bugs with shark teeth and tiny wings. Tip: stay away from shaded areas, especially early morning and late evening – and if you can find a breeze – they will be grounded (an aircraft term). I hope you will take the time to see our native Manatee while here. They love the warm water near electric power plants (Nuclear) this time of year. There is one near the Cape (Canaveral) … also Riviera Beach. Also, if you get a chance and find yourselves near Ft. White / Branford, FL, float tube the Itchetucknee River. That is the real Florida. Cedar Key is also one of my favorite places. Its a fact that in Florida… the further north you go the more „southern“ it becomes and vice-versa.

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    • 21. Dezember 2019 um 14:44
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      Hi Earl, thank you so much for all your recommendations. We like the „real“ Florida also very much! The State is so beautiful besides the overcrowded touristic places. Awesome!

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      • 2. Januar 2020 um 23:58
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        Hi ? we see your great camper truck is parked by ours in Dunedin, Florida. A lovely place for a stay. Been here for a week but heading off to SC in the morning.
        Sorry, my German is non existent but love your photos.

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