Boah – ist das weit!

05.05. – 26.05.2022

Wir beginnen unsere Tour auf dem kanadischen Festland mit einem Besuch von Vancouver. Dort können wir den Dicken in einem ruhigen Wohnviertel in North Vancouver parken und nehmen den Seabus übers Meer nach Downtown. Nun bereits zum dritten Mal nähern wir uns einer Stadt übers Wasser, eine schöne Art einen ersten Eindruck zu bekommen. Besonders motiviert sind wir allerdings nicht, schon wieder Asphalt zu treten und so wundert es uns auch nicht, dass uns die Stadt nicht vom Hocker reißt. Der Funke will nicht überspringen und so fahren wir bereits nach ein paar Stunden zurück zum Dicken. Naja, wahrscheinlich ist es ziemlich ok nicht immer und überall in Begeisterungsstürme zu verfallen… So legen wir am späten Nachmittag noch ein paar Kilometer zurück und suchen uns ein Plätzchen zum Übernachten auf einer Forest Road bei Squamish. Am nächsten Morgen ist der Wald in Nebel getaucht, die dadurch etwas gruselige Atmosphäre lässt uns bald aufbrechen. Der Sea-to-Sky Highway, der vom Meer in die Berge führt ist sehr schön, bei besserem Wetter bestimmt ein Highlight. Wir werfen im Nieselregen einen Blick auf die Shannon Falls, cruisen einmal durchs sehr touristische Whistler und verdauen den ersten Schock an der Zapfsäule. Beim ersten Mal tanken in Kanada verleibt sich der Dicke gleich mal Diesel in Höhe von 350 Euro ein – wir erwarten Böses für unser Reisebudget 2022. Aber alles jammern hilft nichts, wir freuen uns sehr, dass es in diesem Jahr nun endlich klappt mit unserer Fahrt gen Alaska, zwei Jahre später als gedacht. Und damit wir unserem Ziel auch näherkommen, geht es strammen Schrittes gen Norden. Die Überreste eines verunglückten Zuges in einem Wald nahe dem Highway sind ein lohnender Zwischenstopp und ein farbliches Highlight im leider nach wie vor tristen Grau. Auf den nächsten Etappenzielen macht uns dann der Schnee einen Strich durch die Rechnung, so fällt zum Beispiel die geplante Wanderung zu den Joffre Lakes aus. Bis zu den Knien versinken wir in den Überresten des sehr schneereichen Winters. Auch das angedachte Paddeln im Moose Valley klappt nicht, hier ist aber nicht der Schnee, sondern die sehr aktive Holzindustrie schuld. Nachdem wir uns 25 Kilometer eine üble Piste entlang gequält haben, steht am Abzweig zum See „closed“. Wir ahnen warum: bereits entlang der Piste ist der Wald rechts und links kaum mehr vorhanden, es sieht aus wie nach einem Meteoriteneinschlag. Die Einfahrt zum See sieht da nicht besser aus und so fällt wohl die Erholung den Interessen der mächtigen Industrie zum Opfer. Pech für uns, aber das scheinbar so dringend benötigte Holz für den Weltmarkt muss ja irgendwo herkommen. Der Tag endet am Helena Lake aber versöhnlich. Ein schöner Campspot für kleines Geld direkt am See, und so bleiben wir auch gleich 2 Tage. Um ein paar Kilometer zu sparen biegen wir ab auf den Old Cariboo Highway. Die Dirtroad führt zunächst in einigen Serpentinen auf eine Hochebene, schon bald überqueren wir die Grenzen einer ausgedehnten Farm. Unterwegs treffen wir ein nettes Paar, das uns eindringlich darauf hinweist, dass die Straße auf der Rückseite des Berges aufgrund des vielen Schnees immer noch unpassierbar ist und es in der Nähe kein für unseren Dicken passendes Bergegerät gibt. Wir sind sehr dankbar für die Warnung, fahren aber noch ein Stück weiter um uns selbst ein Bild zu machen. Normalerweise gibt es immer ein paar verrückte Einheimische, die mit ihren Pickups die wildesten Straßen befahren, aber ab einem gewissen Punkt gibt es hier tatsächlich keine Spuren mehr im Schnee. So wollen wir nicht die Ersten sein und drehen um. Wir bleiben für die Nacht aber auf der Hochebene, da es zu spät am Tag ist um noch weiter zu fahren. Es wird der bisher schrägste Stellplatz auf unserer Tour und wir müssen vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer bergauf gehen. Als wir am nächsten Morgen wieder auf den Highway einbiegen trauen wir unseren Augen nicht – laufen doch direkt neben der Straße zwei noch sehr kleine Schwarzbären in den Wald. Gerade noch rechtzeitig können wir bremsen und die tapsigen Fellknäuel bei ihren Kletterversuchen beobachten. Die Mama lässt sich nicht blicken und so lassen wir die Bären nach ein paar Minuten auch wieder in Ruhe.

 

Bei Williams Lake herrscht endlich besseres Wetter, wir setzen den Blinker links und fahren auf den Highway 20, eine 500 Kilometer lange Sackgasse, die bis ans Meer ins Dorf Bella Coola führt. Eigentlich wollen wir dort den Chillko Lake besuchen, ein Freund von uns hat dort in den 80ern mal gelebt und uns sehr von der Gegend vorgeschwärmt. Aber aufgrund unserer Erfahrungen mit den Nebenstraßen und der vielen, vielen Kilometer die wir noch zurücklegen werden, entscheiden wir uns gegen eine Weiterfahrt und drehen am Farwell Canyon wieder um. Der Canyon, den sich der Chilcotin River gegraben hat, ist allerdings sehr beeindruckend. Wir besteigen Sanddünen und treffen einen sehr vorwitzigen Fuchs, der uns ganz klar macht wer hier das Vorrecht auf den Wegen hat – nämlich ER!

Eine ganze Woche sind wir dann ausschließlich mit Fahren und „schön-an-Seen-stehen“ beschäftigt. Entlang des Cariboo Highway, der uns von Williams Lake bis nach Fort St. John bringt, gibt es zahlreiche Recreation Areas, an denen man kostenfrei campen darf. An einem Morgen holen uns dort Ivan, Heather & Jon ein, gerade rechtzeitig um Ivans Geburtstag zusammen zu feiern.

In Fort St. John, der letzten größeren Versorgungsstation vor der Einsamkeit British Columbias, biegen wir ab auf den Alaska Highway. Dieser wird nun unsere „Heimat“ in den nächsten Tagen, über viele, viele Kilometer. In Fort Nelson lernen wir auf dem Parkplatz des Visitor Centers Tanja und Thomas kennen. Die beiden sind mit ihrem Truckcamper ebenfalls auf dem Weg nach Alaska und wir sind uns sofort sympathisch. So reisen wir also mit 4 Fahrzeugen, mal mehr oder weniger zusammen, durch die beeindruckende Weite Kanadas. Wir genießen tolle Stellplätze am Moskwa River, im Flussbett des McDonald Creek und auf dem Strawberry Flats Campground am Muncho Lake. Seit Fort Nelson hat die Straße spürbar an Attraktivität gewonnen und wir starten eine Liste auf der wir unsere zahlreichen Tiersichtungen notieren. Über viele Schwarzbären, die am Straßenrand nach grünem Gras suchen, Bisons die auf dem Seitenstreifen leben, Cariboos die über den Highway laufen bis zu den riesigen Weißkopfseeadlern, die über unsere Köpfe fliegen. Auch Elche, Steinschafe und Stachelschweine bekommen jeweils einen Strich – wir sind gespannt wie viele am Ende zusammenkommen.

Auf die Liard River Hotsprings freuen wir uns ganz besonders, und wir werden nicht enttäuscht. In einem großen Schwimmteich können wir ausgiebig planschen und die tolle Atmosphäre genießen. Um halb elf Uhr abends ist allerdings Schluss mit Baden, denn um die Springs leben zahlreiche Elche, die dann die warmen Moore für sich alleine haben dürfen. Mittlerweile sind wir so hoch im Norden, dass es nachts gar nicht mehr dunkel wird, spannend wenn die Grenzen von Tag und Nacht ineinanderfließen und der Körper gar nicht mehr müde wird. Zudem hat sich Michaela eine fiese Erkältung eingefangen, ihre erste ernsthafte Erkrankung seit wir vor knapp 5 Jahren unser Leben so radikal verändert haben. So fällt die ein oder andere, eh schon rare Wanderung für die Hälfte der Besatzung aus – Peter kann aber glücklicherweise mit unseren Reisebegleitern losziehen und muss nicht mit das Bett hüten.

In Watson Lake erreichen wir das Yukon Territory und können eine längst überfällige Aufgabe erledigen. Seit wir den Dicken im September 2019 nach Nordamerika verschifften, haben wir ein Schild von Michaelas Heimatstadt Landshut, das der Bürgermeister gesponsort hat, im Gepäck. Und nun ist es endlich soweit, wir können es im Sign Post Forest anbringen. Seit vielen Jahren bringen Reisende aus aller Welt Andenken aus ihrer Heimat an diese Stelle. Der heimwehkranke Soldat Carl K. Lindley, hat während der Bauarbeiten des Alaska Highways mit einem Schild aus seiner Heimatstadt den Anstoß zu dieser Sammlung gegeben. Mittlerweile hängen dort mehr als 90.000 Schilder. Und jetzt eines von uns!

Wir begleiten Tanja und Thomas nach Whitehorse und fallen zusammen über den Canadian Superstore her. Nach langer Zeit endlich mal wieder ein großer Supermarkt mit tollen Produkten zu vernünftigen Preisen. Hier oben im Norden ist nicht die Versorgung mit Sprit ein Problem, sondern der kluge Einkauf von Lebensmitteln. Die bald folgenden Grenzübergänge machen die Planung da nicht einfacher. Besonders die Amis sind da wohl sehr gründlich und haben unverständlicherweise Vorbehalte gegenüber Food aus Kanada. Whitehorse selbst ist eine eher unschöne Industrie- und Versorgungsstadt und hat nicht viel zu bieten. Daher sind wir nach ein paar Stunden auch wieder raus – es geht endlich nach Alaska!

2 Gedanken zu „Boah – ist das weit!

  • 27. Juni 2022 um 0:59
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    Wow, ihr habt Bäre gesehen, so ein Glück! 😃 Viel Spass und bleibt warm!
    Alles Liebe aus Colorado
    Iain & Babas. Xx

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    • 27. Juni 2022 um 11:20
      Permalink

      Hallo Michaela, hallo Peter!
      Vielen Dank für den gelungenen Bericht. Einfach klasse was ihr so macht undverlebt. Der Wald mit den Städteschildern ist irre. Noch nie davon gehört.
      Liebe Grüße aus Baden- Baden Neuweier
      (Neuweier 725 Jahre alt, Baden-Baden seit 2022 Weltkulturerbe)
      Brigitte und Uli

      Antwort

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